Leben mit „68ern“ - Tagebuch aus dem Studentendorf Berlin-Schlachtensee 1969-1972


22 August 1969

Bin ins Dorf eingezogen. Ich inspiziere mit Edward das Parterre, wo sich mein Zimmer befindet. Zwei Flure, hauchdünne Wände, 16 Zimmer ca. 2,5 auf 3,5 Meter, dazwischen eine Küche, ein Telefon, ein Gemeinschaftsraum und zwei Toiletten mit Dusche für sechzehn Leute beider Geschlechter. Ich gehe in die Toilette. Vor dem Spiegel steht eine nackte Frau und zupft sich ihre Augenbrauen zurecht.
„Muß sie dabei nackt sein?“ frage ich meinen Begleiter.
„Unbedingt! Sie befreit sich gerade von bürgerlichen Vorurteilen“, antwortet er.
Abends gehe ich die Küche und treffe einige am Tisch versammelte Mitbewohner. Ich erfahre, daß mir ein Regal im Kühlschrank und ein Regalbrett im Küchenschrank zusteht. Man sagt mir auch, daß eine jugoslawische Putzfrau jeden Tag die Gemeinschaftsräume säubert und einmal die Woche unsere Zimmer. Sie wechselt auch die Bettwäsche. Sonst würde Seuchengefahr bestehen. Das Geschirr müssen wir aber selbst abwaschen, die Putzfrau liefert nur die Bürsten und Spülmittel.


23 August 1969

Ich gehe morgens in die Küche und treffe Irene. Ich frage sie, wo man hier etwas zum Essen kaufen kann. Sie sagt, daß es am Dorfeingang einen kleinen Laden gebe, der Besitzer heißt Muggenfeld und wird Muggi genannt. Sonst nur Edeka, ca. zwei Kilometer entfernt oder erst Zehlendorf Mitte, recht weit weg. Irene lädt mich ein, mal bei ihr vorbeizukommen.
Ich gehe in den Laden. Alle Wände des kleinen Geschäfts sind mit Graffitis bemalt: „Kapitalist Muggi raus aus dem Dorf“ und „Der Monopolist Muggi muß weg“.


3 September 1969

Aus dem Zimmer meines Nachbarn Friedrich dröhnt der Plattenspieler stundenlang: „Baby, Baby, Baby you are not miiiiiiiiine... “ Ich beschließe, Irene zu besuchen. Sie wohnt auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs. Unterwegs sehe ich Friedrich, der, mit Kopfkissen und Bettdecke beladen, „Baby. Baby...“ pfeift und triumphierend lächelnd auch zum anderen Flur eilt. Irene ist aus Baden und stellt badischen Wein auf den Tisch. Von Neugier zerfressen frage ich: „Wieso nomadisiert Friedrich mit der Bettwäsche?“.
Sie lacht: „Ungefähr einmal in der Woche schläft er mit Maria. Heute ist anscheinend der Tag. Morgen wird sie duschen, und spätestens dann wissen alle Bescheid. Sie behauptet nämlich, daß man vom häufigen Duschen Frauenkrankheiten bekommt.“


15 Oktober 1969

Ich versuche bei weit geöffnetem Fenster, etwas für mein Studium zu tun. Auf einmal höre ich, wie verbale Hurensöhne auf Polnisch durch die warme Herbstluft fliegen. Ich stecke schnell den Kopf heraus: „Ihr glaubt wohl, ihr habt hier die volle Freiheit zu fluchen, und niemand versteht es? Kommt doch auf einen Tee vorbei.“
So lerne ich Olek kennen, den neuen polnischen Schwarzbewohner


30 Oktober 1969

Ich besuche mittags Olek. Er schläft noch. Ich wecke ihn. Auf dem Tisch steht eine geöffnete Flasche Bier und liegt ein Würstchen. „Was soll das?“, frage ich.
“Habe mir gestern abend aus dem Klub für Frühstück geholt.“
„Toll, warmes Bier und kaltes Würstchen zum Frühstück. Zeigst die polnische Kulturnation in einem guten Licht. Und das alles, weil Muggi verjagt wurde.“


20 Dezember 1969

Ich lerne einen kleinwüchsigen Physikstudenten aus dem Dorf kennen, der Bubi heißt, den Irene aber „das Büble“ nennt und nicht leiden kann. Ich vermute, daß das „Büble“ an mir interessiert ist; er besucht mich öfter. Sicher bin ich aber nicht. Ich kann nämlich bei den Deutschen nicht gleich erkennen, wenn sie sich für eine Frau interessieren. Die woanders gelernten Zeichen sind hier nicht zu bemerken. Büble stammt aus einer echt proletarischen Berliner Familie. Er und sein Vater, ein Kommunist, haben schon immer in einer  Laubenkolonie gelebt. Sein Vater hat sich da als Deserteur im Krieg versteckt. Die Mutter hat sie beide verlassen. Bubi trägt mir öfters seine Theorie der sozialen Entwicklung und der Physik vor: “ Jedem historischen System entspricht ein Zustand der Materie. Dem Feudalismus - die feste Materie wie Eisenwerkzeuge, dem Kapitalismus - flüssige Materie, wie Erdöl, dem Sozialismus - Gase und dem Kommunismus - Plasma. Daher kann der Traum eines jeden Physikers, den Plasmazustand der Materie zu erzeugen, erst im Kommunismus verwirklicht werden. Also muß der Kommunismus eines Tages kommen. Allerdings ist es sinnlos, die Erzeugung von Plasma davor zu versuchen. Deprimierend.“


15 Januar 1970

Irene stürzt ganz aufgeregt in meine Bude und sagt: „Komm, Alte, es ist Winterschlußverkauf, großes Gedränge in den Geschäften. Gehen wir in die Warenhäuser und klauen uns ein paar Sachen zum Anziehen.“
„Entschuldige, ich habe sowas noch nie gemacht. Ich habe zwar keine prinzipiellen Bedenken, Eigentum ist auch Diebstahl, hat schon Marx ( Proudhon??) entdeckt, aber ich bin zu feige. Außerdem habe ich einen polnischen Akzent, und nur eine reinrassige Deutsche kann in Deutschland stehlen. Stell dir vor, ich werde erwischt mit meinem Akzent...“
„Schon gut, schon gut, komm nur mit, dann sehen wir weiter.“


1 Juni 1970

Im Dorf ist Hysterie ausgebrochen - die Verwaltung kämpf gegen die Illegalen, hat schon mehrere Zimmer geöffnet und die Sachen rausgeschmissen. Alle legen sich jetzt Steckschlösser zu - auch die Legalen.


18 Juni 1970

Die Nachricht, daß die Verwaltung das Steckschloß von Oleks Zimmer aufgebohrt hat, versetzt alle in den Schrecken. Er muß einige Tage im Gemeinschaftsraum schlafen. Es stellt sich aber bald heraus, daß er sich in der Zwischenzeit, wie viele andere auch, einen legalen Status im Dorf über die Warteliste erarbeitet hat. Die polnische Botschaft aber wollte ihm den Paß nur verlängern, wenn er seine Landsleute in Berlin ausspionierte. Er hat es abgelehnt und um politisches Asyl nachgesucht. Von den deutschen Behörden hat er aber nur die sogenannte “Duldung“ - Duldungsbescheinigung - Aussetzung der Abschiebung für ein Jahr bekommen.


19 Juni 1970

Emport besuchen wir mit Olek den indischen Wissenschaftler Kumer, der in Polen in Geschichte promovieren wollte und wegen „ antisozialistischer Umtriebe“ des Landes verwiesen wurde. Jetzt arbeitet er am Osteuropa-Institut und wohnt zusammen mit seiner polnischen Frau in einer der wenigen Assistentenwohnungen im Dorf. Olek nimmt als Geschenk eine leere Flasche Wein mit. Kumer verspricht nachzudenken, was er für Olek tun könnte. 


18 September 1970

Ich lerne im Klub Otto kennen, der mir stolz von seinen Aktivitäten in der SPD erzählt. Er gehört der linken Fraktion an, die die rechte Fraktion des zehlendorfer
„Establishments“ leidenschaftlich bekämpft. Die Linken haben aber noch keine Mehrheit, um die Abteilung zu „kippen“. Er versucht mich anzuwerben und Ich verspreche im Suff, in die Partei einzutreten. Eigentlich sind mir ihre Mehrheiten egal, ich möchte aber einem Kollegen aus dem Dorf helfen.


23 Mai 1971

Otto lädt mich auf ein Bier ein. Er studiert Medizin und ist ein sehr lustiger Genosse der Partei und bei zahlreichen Parties und Saufgelagen, die in ihrem Umfeld stattfinden. Der führende Linke ist Manfred, ein evangelischer Theologe und wirklich der Partei ergebener Genosse. 
direkter Nachbar von rechts.


7 November 1971

 Ich veranstalte mit Olek und anderen polnischen Freunden ein großes Fest zum siebenundfünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Wir wollen alle absurden Feste parodieren, die wir im sozialistischen Polen „feiern“ mußten. Wir behängen die Wände mit Porträts von Lenin, den wir mit buntem Make-up aufpeppen und auf die wir schreiben: „Lenin lebt ewig“ und „Lenin in Oktober - Katzen im März“. Um auch der deutschen Ordnung Tribut zu zollen, nimmt das Plakat ALLES VERBOTEN den Hauptplatz ein.


20 November 1971

Heute trainiert Siegfried das linke Auge, wie er uns erklärt. Zu diesem Zweck hat er das rechte zugebunden. Friedrich erzählt, daß er gestern gesehen hat, wie Siegfried sich mit einem Bein an einen Baum gehängt hat und geschrien, er wäre Tarzan. Ich habe langsam den Eindruck, daß durch Siegfried die dörfliche Idylle in unserem Haus zerstört wird.


25 November 1971

Otto verrät mir nach einem Fest, daß er unter Orgasmusschwierigkeiten leidet und versucht bald danach mich zu küssen. Aber mit dem Wissen um sein Problem bin ich nicht gerade scharf darauf, mich mit ihm einzulassen. Er ist ziemlich traurig, aber zu meiner großen Freude nicht beleidigt.


12 Dezember 1971

 Ich lerne bei Freunden in der Stadt Werner kennen. Wir treffen uns einige Male. Werner ist der erste deutsche Mann, den ich kenne, der keine Theorien über „Beziehungen“ verkündet, sondern sich ganz einfach in mich verliebt und dies auch laut sagt.


18 Dezember 1971

Otto läuft mir im Dorf über den Weg. Er erzählt begeistert, daß er das freundliche Angebot seines Professors angenommen hat, bei einem Freund von ihm Therapie wegen „vegetativer Übersteuerung“ zu machen. Er erhoffte sich davon die Besserung seiner Orgasmusschwierigkeiten. Ich rate ihm, sich lieber eine zu ihm passende Frau zu suchen, er lacht mich aber aus.


27 Januar 1972

Ich nehme in der Postdamer Chaussee einen Anhalter mit. Er heißt Karstens und lädt mich nach einigen Tagen zum Essen nach Hause ein. Bald stellt er mir seine üppige Freundin Gela vor. Es sieht für mich aus, als würden sie nach einer „Dreierbeziehung“ suchen. Ich lade sie ins Studentendorf ein, um die Bekanntschaft zu verwässern. Wir gehen zu Olek. Sofort bahnt sich ein mächtiger Flirt zwischen Gela und Olek an, obwohl bis jetzt Olek zu meinen Verehren zählte. Jetzt scheint mir, daß bei unseren Besuchern Hoffnung auf eine „Viererbeziehung“ entsteht. Glücklicherweise kommt Werner dazu und zerschlägt ihre Illusionen. Aber sie sind flexibel - ganz deutlich zeichnet sich jetzt eine Konstellation Olek - Gela - Karstens ab. Nach einigen Gläsern Wein verlassen wir mit Werner diese Gesellschaft.


30 Januar 1972

Ich treffe Otto und kann es kaum glauben: nach zwei Monaten der Therapie ging seine ‘vegetative Übersteuerung’ vorbei und er hat sich in einen langweiligen, apathischen Frustraten verwandelt. Leider, wie er sagt, haben sich aber seine Orgasmusprobleme nicht gelöst. Schlimmer noch, wie ich vermute - er hat gar keine Chance mehr auf eine Besserung, denn wer will schon so einen Langweiler als Liebhaber?


10 Februar 1972

Ich versuche, mich auf meine Doktorarbeit zu konzentrieren. Das Telefon für sechzehn Bewohner läutet pausenlos. Die Türen gehen auf und zu, aus der Küche kommen Gesprächsfetzen und das Klappern der Töpfe, aus dem Zimmer von Siegfried dumpfes Klopfen ( was ist es diesmal? ), aus dem Zimmer von Friedrich dröhnt „Baby, Baby, Baby...“, aus dem Zimmer von Horst der Staubsauger, im Haus gegenüber gibt es eine Fete, und im Zimmer von Jeff heult das Fernsehen mit voller Lautstärke. Das bringt das Faß zum Überlaufen. Ich gehe zu Jeff und bitte ihn, seinen Fernseher leiser zu stellen: „Ich bin allergisch gegen Werbung.“
Jeff sagt: „Nach zwei Jahren im Dorf werden alle Leute extrem geräuschempfindlich. Dabei drehst du selbst den Schlüssel im Schloß zu laut um.“
Ich verstehe, daß die Zeit gekommen ist, das Dorf zu verlassen.


8 März 1972

Werner und ich heiraten, ohne zur Entschuldigung irgendwas von Kindern und Steuern zu murmeln, und ich ziehe in mein nächstes Exil, ins tiefste Kreuzberg.

Viktoria Korb