„Die Frauen“, dachte Tom nach, „es gibt überdurchschnittlich schöne Frauen, die, kaum dass sie herangewachsen sind, von begehrlichen Männerblicken verfolgt werden, angefangen vom minderjährigen Jungen bis zum fast erblindeten Alten. Diese frühe Verehrung gibt ihnen ein hohes Selbstwertgefühl, daher treten sie mit sicherem Schritt und hocherhobener Stirn ins Leben, ohne die Befürchtung, sie könnten irgendwo auf verschlossene Türen stoßen. Sie starten aus der privilegierten Position wundersamer Puppen. Wenn sie auch nur ein wenig Glück haben, sind sie imstande, schnell die größten Gewinne zu machen und sich glatt in die Gesellschaft jener einzuschleichen, die sich nicht über den Mangel an Gütern, Zeit und Vergnügen beklagen können. Und doch hat leichte Beute auch ihren Preis. Diese Frauen, unerfahren in Gefechten außer dem opferreichen Kampf ums eigene Aussehen, berühren einen meistens unangenehm mit ihrer abgrundlosen Dummheit. Nur durch Protektion und mit Mühe gelingt es ihnen ein Abschlusszeugnis der Grundschule zu ergattern, und ihre geistigen Interessen beschränken sich auf das Lesen von Comics. Das Auge des Kenners wird diesen abscheulichen Nachteil schnell herausfinden. So kommt es gelegentlich vor, dass die Frauen nach ihren anfänglichen Erfolgen, wenn sie die Dreißig überschritten haben, den Weg eines langsamen, aber unaufhaltsamen Niedergangs antreten. Ihre Ehen mit Prominenten gehen in die Brüche und danach sind sie auf die Gesellschaft von zwar vermögenden, aber nicht mehr besonders berühmten Männern angewiesen. Bei ungünstiger Konstellation passiert ihnen zehn Jahre später nochmals dasselbe Unglück und dann müssen sie sich mit einer Beziehung zu dem Besitzer einer heruntergekommenen Baufirma zufrieden geben, der gute Miene zum bösen Spiel macht, um seine Hypothekenschulden zu verheimlichen. Und es kommt vor, dass sie sich, verbittert durch die erlittenen Niederlagen, zu Tode trinken, dann landen sie bald in der Gosse, in einem Obdachlosenheim oder in einer psychiatrischen Klinik, wo sie, von allen vergessen, enden.“ Tom seufzte und sann weiter nach: „Es gibt auch Frauen mit anderen überdurchschnittlichen Vorzügen, zum Beispiel solche, die mit umfangreichem Wissen und kreativem Verstand glänzen. Es sind meistens Menschen, denen Entbehrungen und Leid von Kindesbeinen an nicht fremd gewesen sind. Manchmal beginnen ihre Lebensläufe mit bitteren Begebenheiten wie Krieg, Verwaisung oder Behinderung, und in ihrem bösen Schicksal steckt der Gärstoff für ihren Willen Schwierigkeiten zu überwinden, der später Wachsamkeit, Fleiß und Ehrgeiz im Leben weckt. Schon früh abgehärtet verbringen sie ihre Schulzeit fleißig, absolvieren die renommiertesten Hochschulen, nach deren Verlassen gelangen sie schnell in bestbezahlte Stellen in interessanten Berufen, und so beginnen sie den großen Marsch, der direkt zu den Führungspositionen in der Industrie, der Wissenschaft oder der Politik führt. Diese Frauen verlieren sich so sehr auf der Stufenleiter der Karriere, dass ihre Kraft nicht mehr ausreicht, um körperlichen Bedürfnissen größere Aufmerksamkeit zu schenken, und schon gar nicht um eine Familie zu gründen. Oft werden sie erst im späten Alter von der Manie erfasst, die vernachlässigten Genüsse nachholen zu wollen, und dann heiraten sie nach einer missglückten Affäre mit ihrem Gynäkologen den Rettungsschwimmer eines tropischen Erholungsortes, oder sie nehmen einen viel jüngeren, begabten, aber noch unterschätzten Künstler in ihr Haus, und in der Regel verachten sie auch keinen ausreichend gut aussehenden Kartenspieler. Dann geben sie ihr Berufsleben auf, denn sie verwenden zu viel Energie darauf so zu tun, als ob sie an die Märchen glaubten, mit deren Hilfe ihre Partner sie um ihr Geld erleichtern. Und letztlich gibt es noch Frauen, die sich weder durch ihr Aussehen noch durch besonderes geistiges Training hervortun. Das sind wohl die Unglücklichsten von allen, denn sie laufen sowohl der Schönheit als auch der Klugheit hinterher, daher sind sie immer zwischen dem Besuch eines Schönheitssalons und den Terminen ihrer Fremdsprachenkurse zerrissen. In ihrem Leben herrscht ununterbrochenes und wenig produktives Chaos, es sei denn, dass ein Erlöser die Bühne betritt, ein verständnisvoller Betreuer, ein geduldiger Ehemann.“