Im Rauch

Die Verkäuferin empfiehlt mir zu dem Malt Whisky, dessen Namen ich nicht aussprechen kann, Gläser aus ihrem Laden, und das sind nicht etwa Cognacschwenker oder mit Werbung bedruckte Tumbler, wie ich dachte, sondern niedrige, dicke, leicht nach innen gebogene Glasschalen ohne Stiel, eigentlich große Aschenbecher. Sie macht es mir in der Luft vor: „Die halten Sie von unten auf der flachen Hand. Nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie ihn leicht kreisen, etwa so, der Whisky braucht Luft und Körpertemperatur, bloß kein Eis. Und einen Spritzer Wasser dazu, da öffnet sich die Blume.“ Sie reicht mir aus demselben Regal eine Flasche Mineralwasser, original aus den Highlands: „Das ist aus fast derselben Gegend, woher auch der Whisky kommt, die beiden ergänzen sich ideal.“ Verrückt, denke ich. Wie dieser ganze Laden. Alles Schottische bekomme ich hier, unübersehbar viele Whiskies und sogar ihr Wasser, dicke Wollsachen, Kilts, Kekse, Karten. Der Schriftzug auf dem Etikett: Einfach alles kann ich mir in diesen Namen hineindenken, und besser, ich versuche es gar nicht erst, denn ich käme nur auf Folklore. Wie genau betonte ihn die Verkäuferin? Als ich aus dem Laden gehe, habe ich es schon vergessen, aber auf dem Weg packe ich den Malt gleich wieder aus. Fünfundzwanzig Jahre alt. Wo war ich damals? Das undurchdringliche Grünbraun der Flasche: Arzneien verpackt man so, oder Parfüms. Und noch nie hatte ich einen Whisky mit Korken. Endlich zu Hause, reiße ich die Kapsel herunter, mache ihn auf und ziehe sofort gierig den Duft aus der Öffnung ein, gefasst auf eine Enttäuschung. Stattdessen die Anflutung von Salzwasserküste, ein Biss vom Torfrauch – im Malt ein Moor, braungrün wie die Flasche selbst –, und dann sogar warmes, frisches Brot. Verblüfft stecke ich den kleinen Finger hinein, verreibe das Nass auf den Handflächen und atme wie unter einer Sauerstoffmaske. Der Alkohol verfliegt, und jetzt ist es süßes Holz, Eiche oder Buche, ich könnte ebensogut in einem alten Faß sitzen, in dem früher einmal Früchte eingelegt waren. Schnell packe ich die Gläser aus, wische mit einem Taschentuch darüber, stelle eins auf den Tisch und gieße zwei Finger dick Whisky hinein, schraube die andere Flasche auf, halte die Öffnung mit dem Daumen zu und spritze etwas Wasser nach in den goldenen Malt, ganz wenig, als könnte es eine Reaktion geben. Ich setze das schwere Glas auf den Handteller und lasse es langsam mischend kreisen. Aschenbecher, denke ich nochmals. Der Rauch. Ich halte die Nase darüber, dieser betäubende, verwirrende Cocktail, und wie bei einer Zigarre ist der Moment des ersten Zuges der köstlichste: Ich beuge mich über den dicken Glasrand, tauche mehr in den Whisky hinein, als dass ich ihn kippe, lasse ihn meine Lippen berühren, begrüße ihn mit der Zunge, und nehme den ersten Schluck.




 Wie Ludwig II. Nietzsche begegnete

Im Januar 1886 besuchte der verrückte König Ludwig II. für ein paar Tage sein Schloss Neuschwanstein. Er bekam Lust auf eine nächtliche Pferdeschlittenfahrt in den Wäldern ringsherum und ließ anspannen, während der allmählich verrückt werdende Philosoph Nietzsche nach dem Essen einen Spaziergang am Rande von Sils-Maria unternahm. Fast hätte, nur knapp eine tolle Pointe verpassend, ein Schlittenpferd Ludwigs Nietzsche zu Boden getrampelt, da hielt der König an und stellte sich dem erschrockenen Philosophen vor, welcher dann linkisch und zugleich großspurig behauptete, er sei ebenso sehr Philosoph wie Ludwig König sei.
Zunächst mochten sich beide, im stillen verschneiten Wald, doch bevor sie herausfinden konnten, ob sie wirklich so schwul waren, wie immer wieder behauptet wird, gerieten sie auch schon in einen heftigen Streit über Richard Wagner, wurden laut, beruhigten sich nicht mehr und zogen schnell wieder ihrer Wege, Ludwig in einen baldigen süßen Tod und Nietzsche in einen ähnlichen Wahnsinn.
Richard Wagner hätte darüber nur gelacht, wäre er nicht schon drei Jahre vorher gestorben, genau wie Karl Marx, aber das ist ein ganz anderes Zusammentreffen.




Mustermanns geschlossene Abteilung

Ja wenn das Leben ein einziger langer Satz wäre, dachte Mustermann, als er nachmittags in seinem Bett lag und darauf wartete, er selbst zu sein, dann wären alle Nebensächlichkeiten, die im Leben halt passierten, und Mustermann erlebte andauernd, geradezu chronisch diese Dinge, die hartnäckig jede Heimat verweigerten, dazu war er doch hier, dann hinge alles wenigstens grammatisch zusammen, als imposanter Schachtelsatz, natürlich immer unter einer Voraussetzung, wobei Mustermann allerdings wenig voraussetzen konnte, auch kaum sich selbst, und schon gar nicht, solange er auf sich selbst wartete, nämlich, es handle sich um einen richtigen Satz und keinen Nonsenssatz, also der Lebenssatz hielte sich an den Mustersatz von Sätzen, den die Schule Mustermann damals mit auf den Weg gegeben hatte, ja dann könnte er vom Leben reden, könnte mitreden, endlich vom Leben, von seinem eigenen, möglicherweise von sich selbst, und würde dabei sogar erfahren, wie denn sein Leben war in seinem Satz, ob Subjekt oder Objekt, oder ob es aktiv war als Prädikat und etwas zu sagen oder zu fragen hatte, was Mustermann in diesem Moment so brennend interessierte, daß er gar nicht mehr länger auf sich warten mochte, weshalb er dann auch den schweren Fehler beging, sich aus seinem Bett zu schwingen, um seinen Satz aufzuschreiben, den einen Satz, der gerade jetzt durch ihn, ihn ungeduldiges Prädikat, seinerseits einen Satz machte und völlig zum Stehen kam.
Vielleicht, seufzte Mustermann, der über seiner Enttäuschung über sich selbst sich selbst glatt vergaß, vielleicht gab es ja noch einen Satz, eine zweite Chance, die das lange Leben großzügig vergab, so daß es zwar keine sinnlosen Nebensätze zuließ, aber dafür sinnlose ganze Sätze. Sinnlos wie etwa diesen: Und schon war Mustermann zu seiner eigenen Überraschung er selbst.