1. Nach einem ungefähr eine halbe Stunde dauernden Mittags­schlaf erzählte er, daß er im Traum in dem Augenblick, als er den Schlag der Tür im weißgestrichenen Raum, der er auf eine Frau wartend den Rücken zukehrte, vernahm, dachte, daß, wenn er sich jetzt umdrehte, er nicht der von ihm erwarteten Frau, sondern ei­nem Stück Käse in Größe der von ihm erwarteten Frau gegen­überstünde, eine Vorstellung, die ihn so sehr betrübte, daß er dem darauffolgenden Gespräch, das er mit der von ihm erwarteten Frau führte, die tatsächlich und in der ihr üblichen Erscheinung ein­getreten war, nur ohne wirklich geistige Wachheit folgen konnte. Als er nach dieser Verabredung, wieder heimgekehrt, in Meyers Konversationslexikon, da er keine Käsefibel besaß, die von ihm er­dachte Käsesorte bestimmte, erkannte er diese als einen Schabzi­ger, 45 % Fett, nach Steinklee schmeckend, Herkunftsland Schweiz. Nachdem er diesen Traum erzählt hatte, äußerte er noch zu be­fürchten, nie mehr an eine Frau denken zu können, ohne sie in seiner Vorstellung als ein Stück Käse zu sehen.


3. Ein Schauspieler, der viele Jahre seines Lebens mit der Ausbil­dung seiner Sprechwerkzeuge verbracht hatte und dessen Artiku­lationsfähigkeit nun so weit perfektioniert war, daß er weithin als erstklassiger Sprecher, wie man das heute nur noch selten erlebe, gehandelt wurde, stellte fest, daß er im Alltag immer häufiger auf Unverständnis stieß und Begegnungen mit anderen Menschen und deren Fragen an ihn ihn so sehr überraschten, daß die Funktions­tüchtigkeit seiner Sprechwerkzeuge buchstäblich versagte, ja, daß gerade, wenn ihn jemand fragte, was er beruflich mache, kaum je­mand seine Angabe, daß er Schauspieler sei, verstand, daß, wenn er seinen Namen aussprach, der ebenso wie die Ortsangaben, wenn er am Bahnschalter eine Zugkarte kaufte, erst nach ein‑ oder mehr­maliger Wiederholung verstanden wurde, in Restaurants hatte er sich angewohnt, die Speisen nur durch einen Fingerzeig auf die entsprechende Stelle auf der Speisekarte zu bestellen, da er, wenn er seinen Wunsch aussprach, immer häufiger das falsche Gericht bekam, und einmal, als er einem Mädchen, das er sehr verehrte und das auch ihm sehr zugetan war, sagte Ich liebe dich, da sagte es Du Schwein! und ließ ihn stehen. Bis heute weiß er nicht, was es verstanden hatte.
Als der Alltag den Schauspieler so sehr zu deprimieren begann, daß er, sobald er die Bühne, den Vortragssaal oder das Aufnahme­studio verließ, nur noch das Nötigste sagte, bald aber überhaupt, was die Bewältigung des alltäglichen Lebens fast unmöglich wer­den ließ, verstummte, zog er sich völlig zurück und entwickelte eine für jedermann verständliche Zeichensprache, die, nachdem er sie in ihren Feinheiten so sehr perfektioniert hatte, daß er ohne zu sprechen in seiner Umwelt leben konnte, jetzt als Methode an Schulen für Taubstumme gelehrt wird.


4. Ein Komponist, der an einem Sonntagvormittag zu einer Aus­stellungseröffnung in eine städtische Galerie eingeladen worden war, um im Rahmen des Eröffnungsprogramms eine seiner neuen Kompositionen für Klavier vorzuspielen, hatte, da er sich schon mehr als eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn in den Exposi­tionsräumen aufhielt, die Gelegenheit, die eintreffenden Gemäl­degaleriebesucher zu beobachten. Nachdem er bald festgestellt hatte, daß jeder der insgesamt ungefähr 120 Besucher nach Be­treten des Raumes jeden der schon Anwesenden auf den Mund küßte, beschämte es ihn, da dies ohne Zurückhaltung und mit einer flüchtigen Routine geschah, umso mehr zu bemerken, daß er der einzige zu sein schien, den man nicht auf diese Weise be­grüßte. Erspielte sein Stück an diesem Tag trotzdem recht anstän­dig, und es wurde ihm angemessene Aufmerksamkeit zuteil.


5. Eine Reisende, die während der Sommermonate mit dem Reise­zug durch die Republik reiste, um das Schöne ihres Landes zu se­hen und es als schön zu benennen, buchte einen Fenstersitz und jedesmal, wenn sie etwas Schönes sah, eine schöne Kirchturmspit­ze, eine schöne Baumgruppe, eine schöne Burgruine, eine schöne Gruppe Rehe, eine schöne Bergkette, ein schönes Rosenbeet, einen schön gelegenen Gottesacker, einen schönen Verlauf eines Flusses, tippte sie mit dem Zeigefinger gegen die Fensterscheibe und sag­te: Welch eine schöne Kirchturmspitze! Welch eine schöne Baum­gruppe! Welch eine schöne Burgruine! Welch eine schöne Gruppe Rehe! Welch eine schöne Bergkette! Welch ein schönes Rosenbeet! Auf diesem Gottesacker möchte ich begraben werden! Welch ein schöner Verlauf eines Flusses! Sie benannte nie einen Menschen und beendete, war es doch ein zu schöner Sommer, die Reise vor­zeitig schon Mitte August.


9. Ein Mann klagte einem anderen Mann: Wenn er in einem Stra­ßencafe sitze, wo er die Leute, die da vorbeikommen können, vom Sehen her kenne, weil es sein Stammstraßencafe sei, und so einer komme dann vorbei und grüße in seine Richtung und er grü­ße zurück, weil er glaube, er sei gemeint, obwohl er sich wundere, daß der, den er doch nur vom Sehen her kenne, so freundlich zu ihm herübergrüße, und er in dem Moment, in dem er lächle und die Hand hebe oder auch etwas Freundliches zum Gruß sa­ge, merke, daß nicht er gemeint sei, sondern jemand anderer, der hinter ihm an einem anderen Tisch sitze, dann sei ihm das sehr peinlich. Wenn der es nun aber merke, daß er ihn grüße, sei es auch dem peinlich, weil der denke, er kenne ihn nicht nur vom Sehen, sondern besser, und dann noch einmal grüße, was nun ihm gelte, denke er dann, wenn auch nicht wirklich, aber aus Vorsicht, daß dies sicher für jemanden anderen sei, und grüße kein zweites Mal. An manchen Tagen sitze er den ganzen Nachmittag in seinem Stra­ßencafe und das passiere dann drei‑ oder viermal, was ihn, wenn auch nicht vernichte, so doch sehr deprimiere.
Der andere Mann, der die Klage anhörte, sagte, daß er das Straßen­cafe wechseln oder noch besser, wie er hinzufügte, um den Mann, dessen Rede ihm reichlich verworren vorkam, zu erschrecken, in eine andere Stadt ziehen solle.
Einen Monat später zog der Mann in eine Stadt, die ihm fremd war.



Andreas Jungwirth