Wie lange wohnst du schon in Berlin, in Deutschland?

In Deutschland acht Jahre. Vorher war ich zwei Jahre in Kalifornien. Ich habe in Japan studiert.

Was hast du studiert?

Musik, Komposition und Klavier. In Kalifornien habe ich das fortgesetzt, dann in Berlin an der HdK.

Was war der Grund, warum du nach Kalifornien gefahren bist?

Ich wollte ganz einfach Welt sehen. Ich wollte nur sehen, was in Kalifornien passiert. Es war mein Interesse, experimentelle Musik zu studieren; die Westküste hatte diese Tradition der experimentellen Musik. Ich wusste nicht, ob ich dort bleibe oder nicht, ob ich zurück nach Japan fahre oder woandershin gehe. Meine Lehrer haben mir gesagt, dass ich nach Europa fahren solle, dass für mich Deutschland der beste Ort sei, dass es dort viele Möglichkeiten gibt. Und dann kam diese Entscheidung. Ich war nicht sicher, ob ich hier länger bleibe oder nicht. Am Anfang dachte ich, es wird ein Jahr sein. Es war nicht so geplant. Meine musikalische Idee hat sich immer weiter entwickelt. Ich suchte einen Platz, wo ich besser arbeiten kann. Nach Kalifornien bist du gekommen wegen der experimentellen Musik.

Gab es dort Musiker, die dich besonders interessiert haben?

Ich habe bei Alvin Curran am Mills Collage studiert. Er ist sehr berühmt für die experimentelle Musik. Mein Lehrer damals war Albin Kal. Er ist noch da. Er ist ein echter Kosmopolit. Er ist Amerikaner, wohnt aber in Italien. Er pendelt ständig zwischen Europa und Amerika. Das war ein sehr wichtiger Kontakt für mich. Ich habe auch viele andere Leute kennen gelernt. John Cage hat dort in den dreißigen Jahren gearbeitet.

War es einfach für dich, Japan zu verlassen? Hast du ein Stipendium gehabt? Musstest du für dich selbst aufkommen?

Es gab ein Stipendium für Studenten. Am Anfang hatte ich kein Stipendium, erst im zweiten Jahr bekam ich eins. Es war nicht so schwer. Damals hat in Kalifornien mein Onkel gewohnt. Sonst kannte ich niemanden.

Hast du in Kalifornien gefunden, was du gesucht hast.?

Ich denke es war eine sehr richtige Entscheidung für mich. In Japan ist das Studium sehr anstrengend. Ich habe gesucht, was meine Musik ist. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich weiter entwickeln kann. Der Sprung nach Kalifornien war sehr hilfreich für mich. Es hat meinen Kopf befreit. Ich habe dort so viele neue Sachen gemacht, viele Projekte mit Leuten aus anderen Bereichen; Tänzern oder Leuten die Computermusik machen. Das habe ich vorher nie gemacht. Ich war so beschäftigt mit den Arbeiten von anderen Leuten. Ganz am Anfang habe ich gar nicht komponiert, nur Performance gemacht. Das war in Japan undenkbar für mich. Diese zwei Jahre waren nicht zu lang, sondern sehr intensiv. Ich kann nicht erklären, was es war, aber es war etwas besonderes, wichtiges. Ohne diese Jahre könnte ich nicht das denken, was ich jetzt denke. Auch diese multikulturelle Atmosphäre, Japaner, Koreaner, Chinesen, Mexikaner. Es war sehr interessant. Diese zwei Jahre waren nicht genug für dich. Du hast weiter gesucht Als Komponistin wollte ich einen Ort finden, wo ich meine eigene Idee entwickeln kann. In Amerika gibt es nicht so viel Unterstützung für Künstler. Alles ist dort kommerzialisiert. Deswegen habe ich gedacht, Deutschland ist besser. Ich habe mich bei anderen Leuten informiert. Stimmt das auch? Du hast dich entschieden in Deutschland zu bleiben.

Kannst du jetzt von deiner Musik leben?

Das ist nicht so einfach. Das ist immer schwieriger. Bis jetzt habe ich so gelebt. Ich suche immer wieder nach Stipendienmöglichkeiten. Manchmal bekomme ich Aufträge, ziemlich viel Aufführungen.

Spielst du Klavier?

Ich spiele Klavier, vor allem schreibe ich. Es wird meistens in Deutschland aufgeführt, aber auch in der Schweiz, Belgien, Frankreich, Japan.

Was für Musik ist das? Hast du deine eigene Sprache gefunden?

Meine Sprache entwickelt sich ständig. Das ist ein Prozeß ohne Ende. Ich kann sagen, im Moment ist es so. Jetzt habe ich eine gewisse Erfahrung als Komponistin. Jedes Stück, das ich schreibe, ist sehr wichtig für mich. Ich sage, das Stück, was ich gerade schreibe, ist das beste. Für welche Instrumente komponierst du am liebsten? Klavier ist mein Instrument. Es ist etwas besonderes für mich, für meine Gefühle. Ich schreibe aber für alle Instrumente. Ich mag die Herausforderung. Das Orchesterstück, das ich neulich geschrieben habe, hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Gibt es Komponisten, die du besonders magst?

Früher ja, im Moment nicht.

Wer war das früher?

Ziemlich viele Komponisten. Zum Beispiel spiele ich Bach sehr gerne, immer wieder. Ich spiele fast jeden Tag ein Klavierstück von Bach. Vor zehn Jahren habe ich viel Luigi Nono, Feldman, Cage gehört. Alvin Curran war mein Lehrer in Kalifornien und hier in Berlin Walter Zimmermann. Zur Zeit bin ich in der Phase, wo ich keine andere Musik hören kann. Ich bin sehr mit meiner Sache beschäftigt. Es gibt aber auch Phasen, wo ich viel Musik hören will, viele Konzerte besuchen. Wenn ich aber tief in meiner Welt bin, kann ich nichts anderes hören.

Wie oft fährst du nach Japan?

Einmal im Jahr, alle zwei Jahre.

Ist deine Familie noch dort?

Ja.

Wenn du es vergleichen könntest ,- was wäre passiert wenn du in Japan geblieben wärst?

Daran denke ich oft. Die Situation dort ist anders. Ich könnte in Japan als Komponistin nicht leben. Es gibt keine Unterstützung, kaum. Du muss als Lehrer an der Schule arbeiten oder Privatunterricht geben. Du musst Musiker, die dein Stück aufführen, selbst bezahlen. Hier ist es umgekehrt. Trotzdem vermisse ich viel. Es ist mein Land.

Was vermisst du?

Mentalität. Mentalität ist etwas abstraktes. Ich vermisse Leute, Kommunikation, Sprache, unsere Kultur, Essen, Natur, viele Sachen.

Fühlst du dich einsam hier?

Ja, sehr einsam. Deshalb kann ich auch viel arbeiten. Es ist nicht so einfach, weil es so unterschiedlich ist. Japan ist noch materialistischer als Deutschland. So viel Information und alles so schnell. Das Leben in Japan ist so unterschiedlich. Es ist so viel, so viel.

Was meinst du?

Zum Beispiel Lebensmittel. Man kann alles kaufen. Oder ständig etwas neues, Computer, Handys. Und alles geht so schnell. Hier lebe ich nicht so. Ich bin damit zufrieden, was ich habe. Ich denke sehr oft, dass ich meine Freunde dort vermisse. Wir haben jetzt Internet, die Distanz bleibt aber da.

Hast du viel Freunde hier?

Nicht so viele, aber ein paar gute Freunde. Es gibt eine japanische Gemeinde. Dort kann ich meine Sprache sprechen. Ich lese viel und schreibe. Die Sprache ist etwas anders.

Du warst zwei Jahre in Kalifornien, jetzt wohnst du in Berlin. Wo hast du dich wohl gefühlt?

Ich denke, die Mentalität der Berliner ist sehr hart. Das ist nicht nur meine Meinung. Wenn ich meine Freunde treffe, Japaner, Engländer, meinen sie das auch. Meinst du generell die deutsche Mentalität? Nein, ich arbeite oft in Düsseldorf. Dort sind die Leute anders. Die Mentalität der Leute in Westdeutschland ist anders. Vor neun Monaten war ich auch in Stuttgart als Stipendiatin und dort war es auch anders. Wie kannst du das beschreiben? Es ist ganz einfach brutal.

Brutal? Warum?

Zu direkt. Heute habe ich zwei schlechte Erfahrungen auf der Straße gemacht. Wenn mich jemand auf der Straße anschreit, ist das schon schwierig. Heute war das Wetter so grau. Vielleicht deswegen. Ich bin daran schon gewöhnt. Trotzdem es ist nicht schön,. Ich habe dieses Jahr in Belgien gearbeitet. Es war sehr nett. In der Schweiz war es auch anders. Es hängt von den Leuten ab. Es gibt auch viele nette Leute in Deutschland. Wir sagen: "Es tut mir leid", "Entschuldigung" in Japan. Hier nicht. Das war sehr überraschend für mich. Ich verstehe das nicht. Nein, ich möchte mich nicht beschweren.

Wie komponierst du? Ist dein Tag streng organisiert oder häng das von deiner Laune ab, wann du Musik schreibst?

Es ist nicht so diszipliniert. Mein Leben und meine Arbeit hängen zusammen. Ich arbeite, wenn ich wach bin, wenn ich mich gut konzentrieren kann. Wenn ich auf die Straße gehe, ist meine Musik dabei. Wir gehören zusammen. Das finde ich gut.

Wie lange arbeitest du an einem Stück?

Es ist unterschiedlich. An meinem letzten Stück habe ich neun Monate gearbeitet. Jetzt schreibe ich ein Stück auf Klavier. Es soll ziemlich lang sein, etwa eine Stunde. In zwei Monate schaffe ich das. Überarbeitest du das, was du schon geschrieben hast. Ich muss von Anfang bis zum Ende schreiben. Was ich geschrieben habe, bleibt. Es hat einen Grund, warum ich gerade jetzt diesen Ton an dieser Stelle geschrieben habe. Natürlich muss ich immer zum Anfang zurückgehen und sehen, ob alles in Ordnung ist. Was ich nicht mache, ist das ganze Stück wegzuschmeißen. Das mache ich nicht. Oder ein Stück in der Mitte anfangen und dann den Anfang schreiben.

Hörst du gern deine Musik?

Nein, nein. Normalerweise nicht.

Hast du schon probiert zu dirigieren?

Nein. In Japan, habe ich mal probiert, sonst nicht.

Wie weit kannst du die Interpretationen deiner Arbeit in der Aufführung beeinflussen? Bist du oft unzufrieden mit dem, was gespielt wird?

Während der Proben kannst du sagen, bitte das so oder so spielen. Nicht alle Musiker können sich meine Musik so vorstellen, wie ich es mir vorstelle. Es ist fast unmöglich. Das ist die Sache der Interpretation. Das ist aber daran interessant, dass es Menschen spielen nicht Computer. Manchmal bin ich zufrieden. Manchmal aber nicht, sogar traurig. Was hältst du von Computermusik. Ich mag lebendige Instrumente und die Kommunikation mit den Musikern. Ich mag dieses Gespräch mit den Leuten und das, wie meine Musik interpretiert wird. Spielst du selber? Ich spiele Klavier. Das mache ich aber nicht mehr. Es ist zu viel Arbeit. Ich kenne eine gute Pianisten. Sie spielt besser als ich. Für mich ist es wichtig mit einem guten Musiker zu arbeiten. Jetzt kenne ich welche, die sehr gut sind. Manche wollen auch meine Musik spielen. Es ist schön ein eigenes Ensemble zu haben

Viele Musiker, Künstler beschweren sich, dass sie sich selbst managen müssen, dass es unglaublich viel Zeit in Anspruch nimmt, Aufträge zu suchen, den eigenen Namen bekannt zu machen. Wie ist das für dich?

Das Problem habe ich auch. Ich habe einen Verlag, der meine Stücke herausgibt. Ich bewerbe mich um Stipendien. Briefe schreibe ich selbst und denke, dass ich darin sehr gut bin.

Dich selbst zu vermarkten?

Ja. Das entwickelt sich. Ich bin gar nicht so durchsetzungsstark. Ich kann nicht so brutal durch das Leben gehen. Das ist schwierig. Natürlich das ist schwierig. Das ist aber ein Teil deiner Arbeit. Du kannst nicht immer zu Hause bleiben und schreiben. Es kommt nicht von alleine. Diese kreative und geschäftliche Arbeit geht nicht immer parallel. Manchmal hast du keine Energie. Du musst einen ganz anderen Kopf dafür haben. Es ist schwierig.

Vielen Dank für das Gespräch.