Wo sind Sie geboren?

In Weißrussland, in Minsk.

Haben sie auch dort Ihre Ausbildung abgeschlossen?

Ja. Erstmal in einem musikalischen Lyzeum, das war eine spezielle Schule für musikalisch begabte Kinder. Dann in der Musikhochschule in Minsk.

Wer hat das entschieden, dass sie diesen Weg ausgewählt haben? Waren das ihre Eltern?

Meine Eltern sind Musiker und sie haben das entschieden. Ich war aber nicht dagegen. Das ist natürlich fast unmöglich zu trennen, eigener Wille des Kindes und der Wille der Eltern. Ich habe immer mit Musik gelebt. Mein Vater ist Geiger, meine Mutter ist Pianistin und Musiklehrerin. Sie haben erzählt, dass ich früher zuerst gesungen und dann gesprochen habe. Ich kann nur sagen, dass ich mich immer wieder freue, dass ich Pianistin geworden bin.

Sie machen das beruflich seit Jahren. Kann man zu einem Punkt kommen, wo man sagt, das will ich nicht mehr? Das ist nicht das, was ich gern machen würde.

Bei mir gab es so etwas nicht. Heute auch nicht. Ich habe mir solche Frage nie gestellt, oder nie so richtig. Wie ich schon gesagt habe, ich freue mich immer mehr, dass es so ist.

Von dem was ich über damalige Sowjetunion gehört habe, wurden den begabten Kindern sehr gute Möglichkeiten geschafft, um ihre Begabung zu entfalten. Und das alles war umsonst oder sehr billig. Wir bewunderten die Leistungen der jungen Sportler, Musiker oder Tänzer. Habe ich recht oder irre ich mich? Wie sah die Wirklichkeit aus?

Für mich ist es etwas schwierig diese Frage zu beantworten. Alles, was sie gesagt haben stimmt eigentlich. Viele Sachen waren für uns selbstverständlich. Trotzdem stelle ich mir eine Ausbildung für einen Musiker oder einen Künstler anders vor.

Wie soll sie aussehen?

In meiner Schule für begabte Kinder hatten wir eine allgemeine Ausbildung (Physik, Chemie, Mathematik usw.) und dazu noch musikalische Fächer. Das finde ich nicht in Ordnung. Ich habe statt der Grundsätze der Physik oder Mathematik irgendeine Formel auswendig gelernt, ohne sie zu verstehen oder anwenden zu können. Das war für mich eine große Belastung. Ich stelle mir eine Ausbildung vor, wo die musikalischen Fächer oder Fächer, die die künstlerische Ausbildung fördern, gründlicher und tiefer behandelt werden. Wenn ich das mit der Ausbildung im XIX oder Anfang des XX Jahrhundert vergleiche, dann sehe ich, dass ich gar keine richtige Ausbildung habe. Z.B. Griechisch oder Latein gab es bei uns gar nicht. Dank meiner Eltern habe ich Privatunterricht in Theorie, Harmonie und anderen musikalischen Fächern bekommen. Ich möchte auch sagen, dass die staatliche Politik der Breschnew-Zeit bemüht war jede Persönlichkeit zu vernichten.

Warum?

Das war die allgemeine Politik in unserem Land. Das war die Ideologie.

Was heißt vernichten?

Das heißt nicht nur Kinder sondern alle Menschen gleichartig zu machen und alles was zu dieser Ideologie nicht passt, zu zerstören. In der Literatur, Musik gab es sehr viel politisches. Vieles, was ich gelesen und gelernt habe, war falsch. Ich verstehe nicht, wie man ernsthaft Bach studieren kann, wenn man nicht weiß, dass alles was er geschrieben hat für die Ehre Gottes komponiert wurde. Wie kann man mit einer atheistischen Ausbildung Bach studieren? Seine Musik ist ein Gespräch mit Gott und das ist das wichtigste.

Man hat trotzdem Bach, Mozart, Beethoven geschätzt.

Natürlich, sehr.

War das für euch als Kinder klar, daß der Unterricht in der Schule sehr stark durch Politik und Ideologie geprägt war?

Ich kann nur von mir sprechen. Ich habe nicht so viel verstanden. Ich habe es nur geahnt. Meine Eltern haben natürlich vieles verstanden, sie haben mir aber nicht erklärt, was passierte. Zum Glück, sie haben mir nicht gesagt, dass ich daran glauben soll. Später habe ich sehr viel über dieser System nachgedacht und über unsere Ausbildung. Als ich langsam verstanden habe, was zum Beispiel mit der Breschnew-Zeit damals war, hatte ich viele Vorwürfe an dieses System. Ohne diese Ideologie hätte ich mich anders entwickelt, als Mensch und als Musiker. Viel besser und viel freier, vielseitiger, einfach intensiver. Ich war natürlich unter Druck. Jetzt aber ändert sich meine Meinung langsam. Jetzt denke ich an das, was ich nicht gemacht habe. Es ist sehr leicht sich selbst als ein Opfer des Systems zu sehen. Die Schuld liegt teilweise an mir. Mir wurde klar, ich habe nicht alle Möglichkeiten genutzt, um zu wachsen. Das bedeutet nicht, dass das, was ich gesagt habe falsch war. Ich denke jetzt aber anders. Das klingt vielleicht ungerecht, das aber interessiert mich nicht mehr so. Diese Gedanken und diese Etappe habe ich schon hinter mir. Es ist für mich ein bisschen Vergangenheit.

Das belastet Sie nicht mehr so.

Nein, nicht mehr.

Sind Sie ein Einzelkind?

Ja.

Leben ihre Eltern noch dort?

Sie leben in Berlin.

Sind sie zusammen ausgewandert?

Nein, ich bin mit meiner Tochter hierher gekommen, vor zwölf Jahren. Meine Eltern sind später nachgekommen.

Aus welchem Grund haben Sie Weißrussland verlassen?

Für mich war das ziemlich einfach. Ich denke, dass das mein Schicksal war. Ich hatte so eine Situation in meinem Leben, daß ich von allen Seiten keine Zukunft gesehen habe. Dann kam in einer Nacht ein Anruf, so wie in einem schlechten Film. Ein Freund von mir, ein Cellist, hat mich aus Berlin angerufen, und hat mir gesagt, dass ich unbedingt nach Berlin kommen muss. Er könnte für mich Konzerte organisieren, eine Wohnung und alles, und dass er mit mir spielen würde. Er hat für mich und meine Tochter eine Einladung für drei Monate besorgt. Ich bin mit dem Zug, ohne Abschied, weggefahren. Natürlich haben alle gewusst, dass ich für drei Monate als Tourist fahre.

Aber Sie haben auch gewusst, dass Sie für immer fahren.

Das habe ich nicht einmal gewusst. Ich wollte einfach weg, aus dieser Situation, die ich nicht beherrschen konnte. Ich hatte dort keinen Ausweg gesehen, ich konnte nichts mehr tun.

War das für Sie eine Erlösung, diese Entscheidung?

Das war für mich ein Weg, weiter zu leben. Ich kam mit meiner Tochter und einem kleinen Koffer, wo ein paar Bücher, Kassetten, und Noten waren. Das war alles.

Sie haben gesagt, dass sie dort keinen Weg für sich gesehen haben. Haben Sie in Minsk eine Arbeit gehabt?

Ich arbeitete an der Hochschule in Minsk als Korrepetitorin. Das war sehr interessant, sehr schön. Das hat mich sehr vorangebracht. Ich habe bei der Geigerin Olga Parchomenko gearbeitet. Sie war etwas Besonderes als Persönlichkeit und Musikerin. Unsere Zusammenarbeit hat 10 Jahre gedauert. Der Unterschied zwischen uns war sehr groß. Für mich war das aber eine einzige Möglichkeit mich als Musiker weiter zu entwickeln. Alles, was ich in ihrer Unterricht erlebt habe, war für mich eine große musikalische Ausbildung. Ich habe praktisch noch zehn Jahre dazu gelernt. Wir haben auch ab und zu zusammengespielt. Das war ein großes Erlebnis für mich. Ich habe auch mit vielen ihrer Schüler als Assistentin gearbeitet, weil sie sehr viel im Ausland konzertiert hat. Ich kann auch sagen, dass ich aus ihrer Schule komme. Viele ihre Schüler sind noch immer miteinander verbunden und wir sprechen eine Sprache. Wir alle schätzen sie sehr hoch. Vor einem Jahr ist einer ihrer ehemaligen Schüler nach Deutschland emigriert. Er hat mich angerufen und es kam dazu, dass wir zusammen gespielt haben, ohne ein Wort zu sagen. Wir waren beide sehr glücklich. Obwohl wir so unterschiedlich sind, verbindet uns sehr viel. Dieser einzigartige Zusammenhang zwischen zwei verschiedenen Musikern, die Tatsache, dass wir trotz dieser Unterschiede zusammen spielen können, nenne ich Schule. Olga Parchomienko hat in Moskau bei David Oistrach studiert. Sie hatte die große Tradition Oistrach's Schule in sich . Das war auch mein Schicksal, dass ich ihr begegnet habe.

Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Sie lebt und arbeitet jetzt in Finnland. Als sie weg war, hatte ich plötzlich keine Arbeit mehr. Sie war für mich der einzige Grund, warum ich dort gebleiben wäre. Nach dem ich sie verloren hatte, gab es für mich keinen Ersatz. Dort zu arbeiten war auch für mich nicht einfach, weil alle wollten, dass ich weg gehe.

In der Schule? Warum?

Ich habe zu dieser Schule nicht gepasst. Ich war anders als die anderen.

Wo war der Unterschied?

Ich habe zehn Jahre lang auf einem anderen Planeten gelebt. Das war wie ein kleiner und ein großer Planet, mit ihr im Zentrum und wir haben auf alles andere, wie durch eine Fensterscheibe geguckt. Der Unterschied war wirklich zu groß. Das war nur ein Schicksal, dass ich zu diesem Planeten gekommen bin.

Das bedeutet, dass Olga Parchomienko auch anders als die anderen sein musste.

Natürlich.

War sie trotzdem akzeptiert? Wegen ihrer musikalischen Qualitäten?

Ja, aber manche haben sie gehasst.

Was?

Für mich war es auch nicht leicht mit dieser Persönlichkeit zu arbeiten.

Kann man das Neid nennen?

Das auch. Alles zusammen. Sie war auch kein Engel. Das ist aber überall so. Man muss großzügig sein, um eine große Persönlichkeit zu tolerieren. Sie hat alle Korrepetitoren, die vor mir waren, ausprobiert und rausgeschmissen. Ich war die letzte. Ich hatte wahrscheinlich mehr Geduld als die anderen aus ihrer Klasse. Ich war ganz frisch nach der Hochschule, ich war ganz einfach unerfahren. Ich habe das gewollt und ich habe alles getan, um in dieser Klasse zu bleiben. Sie hat das auch bemerkt. Für mich war das mein Leben. Ich bin einfach so geboren und von meinen Eltern erzogen worden. Als sie weg war, habe ich mit ihren Studenten weiter gearbeitet. Diese pädagogische Erfahrung habe ich auch gesammelt.

Es ist allgemein bekannt, dass man in der DDR, dem Land für das die Sowjetunion ein Vorbild war, fast unmöglich war, einen Studiumplatz zu bekommen, wenn man etwas andere politische Überzeugung hatte, oder wenn jemand von der Familie im Westen lebte. Wie sah diese Situation aus in Ihrem Land?

Ich habe jetzt ein schlechtes Gewissen.

Warum?

Ich habe jetzt ein Gefühl, dass ich alles falsch mache. Ich fühle mich wie jemand vor einem Priester, der alles erzählt, was er auf dem Herzen hat. Dieses Interview ist natürlich anders als das aber ich kann kein Interview geben. Alles, was ich sage ist nicht für ein Interview. Absagen kann ich das nicht und kalkulieren kann ich auch nicht. Ich führe sehr gern einen Dialog, weil ich auf manche Gedanken erst komme, wenn ich mit jemanden spreche. Deswegen ist es für mich sehr wichtig etwas zu sagen, weil das für mich auch etwas neu ist. In meinem Leben gibt es zwei Seiten. Über eine Seite haben wir angefangen zu reden, alles was mit Politik, mit unserem Schulsystem zu tun hat. Als ich in der dritten oder vierten Klasse war, hat mir meine Mutter von einem ungeschriebenen Gesetzt in unserer Schule erzählt. Sie hat in dieser Schule als klavierlehrerin gearbeitet. Dort durfte man keine Schüler jüdischer Abstammung, keine Schüler aus intellektuellen Familien und keine Kinder aus musikalischen Familien aufnehmen.

Trotzdem waren Sie dort.

Trotzdem war ich in dieser Schule. Diesen Druck konnte ich auf Dauer nicht aushalten, deswegen bin später auch ausgewandert. Ich konnte mich dort nicht anpassen. Ich war in mener Heimat fremd, von allen Seiten. Ich habe mich immer als Ausländer gefühlt, ohne das zu verstehen. Das Leben hier in Berlin ist für mich ganz normal. Ich fühlte mich sehr wohl, seit dem ersten Tag, obwohl ich das erste Jahr hier ohne Visum, ohne Wohnung, ohne Geld, ohne Sprache verbracht habe, ganz alleine war. Trotzdem war das Leben hier für mich leichter als dort. Dort hatte ich meine Familie, eine Arbeit, eine Wohnung, alles, was man als normal bezeichnen kann. Das war für mich immer sehr schwierig. Hier hatte ich nichts. Trotzdem war ich glücklich und hatte keine Angst vor der Zukunft. Ich habe meine Familie verloren. Ich habe alles verlassen. Ich hatte dort zu Hause nicht das, was ich brauchte, um normal zu leben. Es gab immer etwas Negatives von unserem politischen System, was mein Leben, meine Persönlichkeit zerstört hat. Meine erste Klavierlehrerin war eine Musikerin aus Moskau. Ihr Mann war ein Assistent von Igunov. Sein Name ist hier in Deutschland nicht bekannt, das war ein großer Pianist bei uns. Sie sind auch durch einen Zufall nach Minsk umgezogen. Schon als ich fünf Jahre alt war, hatte ich eine gute, professionelle Lehrerin aus einer Moskauer Schule. Das war eine Ausnahme. Wie diese Geigerin eine Ausnahme war. Das war nicht selbstverständlich, das war ein Schicksal. Mein Professor an der Hochschule in Minsk war ein Schüller von Sofronitzky. Das war auch eine sehr bekannte Schule, die beste, die es überhaupt gibt. Trotz der politischen Situation, hatte ich sehr gute Möglichkeiten mich zu entwickeln. Das war fifety fifety. Später habe ich verstanden, was mit mir passiert ist, auch alle Fehler die auf das System zurückzuführen sind. Das System hat mich unterdrückt. Ich denke, ich war nicht stark genug, ich war einfach faul und schwach oder keine große Persönlichkeit oder nicht begabt genug, ich weiß es nicht. Deswegen habe ich so direkt und so furchtbar, unhöflich, und schrecklich auf diese Frage geantwortet. Ich wollte ehrlich sein.

Waren Sie verheiratet?

Ja, ich war verheiratet.

Und haben Sie ihren Mann dort gelassen?

Ja.

Was hat er dazu gesagt?

Er hat das erstmal nicht begriffen und hat daran nicht geglaubt, dass ich so etwas schaffe. Ich war ein Mädchen aus einer Orangerie, ein Einzelkind aus einer jüdischen Familie. Ich habe zu Hause gelebt und alles in meinem Leben hat meine Mutter für mich gemacht. Niemand hat wirklich geglaubt, dass ich so etwas schaffe. Ich vergleiche mich aber nicht mit anderen Leuten, die emigriert sind. Ich möchte nicht sagen, dass ich stärker bin und es deshalb geschafft habe. Nein. Es war für mich einfach anders.

Waren Sie inzwischen in Minsk?

Die ersten fünf Jahre habe ich nicht an Minsk gedacht. Ich hatte keine Erinnerungen, keine Träume, nichts. Vielleicht war das eine Schutzreaktion. Und dann, durch einen Zufall bin ich nach Minsk gefahren, es war sehr abenteuerlich. Dann habe ich mich von Minsk mit Tränen verabschiedet. Nach fünf Jahren mit meiner Familie war das nicht so schwierig. Ich hatte keine richtige Familie. Mein Mann war auch ein Künstler, ein Bühnebildner. Übrigens diese tragische Geschichte mit der Geiselnahme im Nord-Ost Theater – er war der Bühnebildner dort. Er hat sein Leben von Anfang an dem Theater gewidmet. Er ist ein Theatermensch. Ich habe mich der Musik gewidmet. Wir beide hatten keine Ahnung, was das bedeutet, eine Familie zu gründen. Mein Mann hatte mehr Ahnung als ich. Ich hatte gar keine aber wir haben neun Jahre zusammen gelebt. Trotzdem möchte ich sagen, das ein Familienleben nicht für mich ist. Ich bin für ein Familienleben nicht geeignet. Ich denke das ist meine Persönlichkeit, ich bin so geboren und so erzogen worden, nur die Musik, nichts Alltägliches. Meine Tochter war auch bei Oma und Opa. Meine Tochter habe ich erst hier kennen gelernt, im Zug. Als wir zusammen mit dem Zug nach Deutschland gefahren sind, waren wir zum ersten Mal richtig zusammen. Mit meinem Mann war ich sowieso nie zusammen.

Wie hat er auf diese Nachricht reagiert?

Ich weiss es nicht. Wir haben darüber nie miteinander gesprochen, so tief und so ehrlich, wie ich mir das vorstellen kann. Ich wusste das und spürte, dass er ein Mensch ist, der nicht aus seiner Heimat fliehen kann, wie ich. Viele Freunde und Verwandte von uns sind emigriert. Ich wollte auch emigrieren. Ich konnte aber keine Lösung finden. Ich habe verstanden, dass er das nicht machen kann.

Ihr habt darüber nie geredet.

Nein, ich war ganz einfach weg. Ich kann mich gut erinnern, als ich ihn aus Berlin angerufen habe und gesagt habe, dass ich nie zurückkomme, das war mir klar, das war aus meinem Bauch heraus. Ich war hier überglücklich. Dort ging es mir furchtbar schlecht. Das war ein Überlebensinstinkt. Ich denke, er macht, was er will, wenn er will. Es war für ihn sehr schwierig seine Arbeit dort zu verlassen. Er hat eine sehr gute Kariere gemacht. Musik kann man überall machen. Er würde alles verlieren, wenn er Russland verlassen würde. Hier hätte er keine Chancen gehabt. Für mich war es ganz umgekehrt. Ich habe hier viel gespielt.

Hat er Sie besucht?

Er hat mich besucht. Er hat angefangen mit mir darüber zu sprechen, ich war aber sehr extrem. Ich konnte damals so etwas nicht hören, weil es für mich ein Schritt zurück bedeutete und das wollte ich nicht mehr.

Wie hat das Ihre Tochter empfunden?

Ach, meine Tochter. Sie hat sehr gelitten.

Wie alt war sie damals?

Sie war neun. Erstmal, weil sie aus ihrer Umgebung rausgerissen war, zweitens, war ich keine gute Mutter, damals, vor zwölf Jahren.

Hat sich das inzwischen geändert oder leidet sie immer noch?

So extrem natürlich nicht. Sie fühlt sich wohl. Sie hat als Kind sehr gelitten, weil das nicht ihre Wahl war. Niemand hat sie gefragt, ob sie das will. Mein Leben hier war sehr extrem. Ich hatte die ersten Jahre kein Dach über dem Kopf und kein Geld. Ich kannte auch die Sprache nicht. Es ist für mich schwierig sich vorzustellen, wie das für meine Tochter war. Sie ist sehr großzügig. Sie macht mir nie Vorwürfe, sie versteht mich sehr gut. Ich habe viel Glück mit meiner Tochter.

Unterrichten Sie hier auch an einer Schule?

Ich arbeite in Moment an einer Hochschule und einem Musikgymnasium als Korrepetitorin. Das heißt auch Unterrichten. Hier ist es anders als bei uns, hier sind wir mit meinen Studenten oder meinen Schüllern meistens zu zweit. Das heißt für mich nicht nur Begleiten sondern Unterrichten. Ich mache das, was ich für richtig halte. Ich habe nicht immer Recht, denke ich mir. Ich versuche auch Kompromisse zu finden.

Wo ist der Unterschied?

Russen sind anders als Deutsche, erstens. Die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern ist hier anders als in Russland. Dort ist auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern viel enger. Hier ist grundsätzlich mehr Distanz zwischen den Menschen. Bei uns ist es sehr nah. Bei uns gibt es manchmal keinen Abstand, überall und auch zwischen Lehrern und Schüllern.

Vermissen Sie das?

Ich habe hier viele Freunde aus Russland. Es ist manchmal viel zu nahe. Ich möchte nicht sagen, dass das immer gut ist. Ich brauche selber Abstand und ich habe ein Respekt davor. Man muss einen Balance finden. Das habe ich hier gelernt und ich habe mich auch geändert. Mit meinen Schulern ist es manchmal auch nicht so einfach. Es ist sehr interessant einen richtigen Weg zu finden, zwischen Nähe und Abstand.

Wie war das in Minsk, als Sie Schülerin waren?

Ich habe die damalige Situation nicht verstanden. Ich habe nicht verstanden, warum es so schwierig war. Ich habe versucht, mich anzupassen, ohne Erfolg. Ich habe gedacht, dass ich anders bin, und dass ich schlimm bin. Ich hatte meine Gedanken und es war für mich ein Problem, nicht das zu sagen, was ich denke, sondern das, was ich sagen soll. Wir hatten während des Unterrichts zwei Bücher, einen Roman z.B. und die Kritik. Es war nicht nötig, es hat sogar manchmal gestört das Original zu lesen. Wenn du nur die Kritik liest und das sagst und schreibst, bist du gut. Sehr viele haben das geschafft. Die besten aus unserer Klasse haben doppelte Gedanken gehabt, das eine schreiben und was anderes denken. Für mich war das unmöglich. Ich habe immer geglaubt, ich denke falsch oder ich habe meine Stärke als Schwäche verstanden. Vieles habe ich erst hier verstanden. An der Hochschule gab es ähnliche Schwierigkeiten. Ich denke, ob man Erwachsen oder Kind ist, macht das keinen Unterschied. Als ich Erwachsen war, passierte das gleiche.

War das unmöglich „nein“ zu sagen?

Für mich war das schwierig. Ich möchte nicht sagen, dass das unmöglich war. Denn es war keine Stalin-Zeit mehr. Trotzdem war das von unseren Lehrer nicht erwünscht. In diesem Sinne, war es schwierig sich als Persönlichkeit zu entwickeln. Vielleicht war ich nicht stark genug oder nicht begabt genug, um es so zu machen, wie viele andere.

Man fragt sich, wie sich ein Mensch als Persönlichkeit entwickeln kann , wenn seine Meinung nicht gefragt wird, wenn alles fertig gegeben wird? Was mich interessiert, ist der Vergleich der beiden Systeme. Ich denke, viele Probleme sind auch menschlicher Natur, die anderen sind durch das politische System bedingt. Sind die Menschen hier freier?

Schwierige Frage. Was ist überhaupt Freiheit?

Dass ihre Arbeit an der Schule nicht unter politischem Druck steht, dass man sich dem herrschenden System nicht unterordnen muss.

Ich kann nur sagen, dass ich hier die Möglichkeit habe so zu arbeiten und zu spielen, wie ich es für richtig halte. Ich habe diese Freiheit.

Kann man sagen, dass Musik ungefährlich ist, anders als Schreiben, wo man etwas direkt sagen muss?

Die Musik von Schostakowitsch ist ein gutes Beispiel. In meiner jetzigen Situation habe ich die Möglichkeit frei zu sein. Ich kann Musik machen ohne zu denken, ob das politisch ist oder nicht ist. Ich spiele. Und das ist ein großes Glück.

Gibt es Komponisten, die Sie besonders gern spielen?

Ja, komischerweise, waren es für mich immer die deutschen Komponisten und nie die russischen.

Obwohl es natürlich viele großartige russische Komponisten gibt.

Ja, aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die sie gern spielen.

Warum? Ist Musik nicht allgemein gültig, abstrakt, wo nur die Qualität zählt?

Nein. Es gibt verschiedene Schriftsteller, verschiedene Dichter und verschiedene Komponisten.

Ist Musik politisch?

Sind Gedichte politisch?

Manche ja.

Manchmal ist es Musik vielleicht auch. Es gibt keinen großen Unterschied. Ich denke, dass die Politik nicht so großen Wert hat, um sie mit der Musik zu vergleichen. Musik gehört mehr zur Natur und zum Universum. Die Politik ist mehr für Menschen. Das sind zwei verschiedene Ebenen. Manchmal sind sie verbunden aber nicht so direkt. Ich denke, dass Bach, als er seine Kompositionen geschrieben hat, nicht an Politik gedacht hat. Die Menschen können das mit Politik verbinden, wenn sie wolen.

Zurück zu der Frage, welche Komponisten spielen Sie gern?

Ich würde sagen, Komponisten, die ich gern höre, weil es für mich immer schwieriger ist zu spielen. Das war immer Bach, Barockmusik. Die Barockmusik ist ganz einfach meine Welt. Mozart, Haydn, Beethoven,Schubert, Schumann, Brahms.

Und die moderne Musik?

Mit der modernen Musik habe ich keine große Verbindung. Das liegt an vielen Faktoren. Sie war bei uns verboten, Ich habe sie nie gehört, nie studiert, nur bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Schostakowitsch und Prokofjew waren bei uns die modernsten Komponisten. Über die Neue Wiener Schule hatten wir keine Ahnung. Das ist schon hundert Jahre her, aber trotzdem. Ich mag Alban Berg z.B. sehr, das gehört aber schon zur klassischen Musik. Ich lese oft Anton Weberns Buch. Das ist aber eine Ausnahme. Wenn ich etwas hören oder spielen möchte, dann ist es Bach. Romantik mag ich auch nicht besonders. Von der russischen Musik vielleicht Tschaikowsky. Ich schätze ihn, zuhören oder spielen würde ich das nicht unbedingt.

Warum Bach und nicht die russischen Komponisten?

Ich denke, dass es verschiedene Ebenen sind, verschiedene Gefühle.

Das Zusammenspielen mit verschieden Musikern, ist wie ein Dialog mit verschiedenen Menschen, mit denen man sich besser oder schlechter versteht?

Ja, natürlich. Das interessiert mich. Wenn du mit verschiedenen Menschen redest, dann reagierst du ganz einfach anders oder bist selbst ein anderer Mensch. Wenn du kein Gespräch führst, dann erlebst du nichts. Genauso ist das mit dem Zusammenspielen. Mit dem Geiger, mit dem ich jetzt arbeite, spiele ich ganz anders als mit den anderen Musikern. Er spielt mit mir auch anders als mit Anderen. Genauso ist das mit einem Gespräch. Mit manchen Musikern kann ich nicht spielen, mit manchen will ich nicht. Das ist für mich interessant. Manchmal möchte ich alleine spielen und alleine leben. Es ist für mich eine Art etwas zu entdecken.

Spielen Sie nur Klavier oder auch andere Instrumente?

Ich spiele nur Klavier aber mit verschiedenen Instrumenten zusammen auch mit Gesang. Ich spiele am liebsten Kammermusik. Das ist etwas besonders für mich. Auch Begegnung mit den Leuten aus der Vergangenheit ist für mich sehr wichtig. Ich denke, dass heute alles anders als früher ist . Nicht unbedingt besser. Wenn ich alte Interpreten höre, verstehe ich das immer mehr. Heute sind wir anders als die Menschen früher. Das kann ich feststellen. Diese Meinung habe ich öfters gehört aber jetzt habe ich das selbst verstanden.

Was ist anders?

Wir sind anders, unsere Seele, unser Inhalt.

Deswegen interpretieren wir auch dieselbe Komposition anders.

Natürlich, sicher.

Kann man das hören, wie die Menschen damals waren?

Natürlich.

Waren die Menschen besser?

Was heißt besser? Sie waren anders und mir gefällt diese Art des Spielens. Das Spielen ist eine Art des Spiegels. Es geht nicht um das Spielen, es geht um die Seele. Wir sind heute viel primitiver, viel einfacher. Es ist viel leichter über die Interpreten Menschen zu verstehen, nicht umgekehrt. Ich verstehe einen Menschen besser, wenn ich höre, wie er spielt. Wenn ich mit ihm spreche verstehe ich weniger und auch falsch. Es war sehr interessant mit meinem Mann. Als ich seine Arbeiten im Theater gesehen habe, war es für mich eine ganz andere Art ihn zu begegnen.

Haben Sie ihn von einer ganz anderen Seite gesehen?

Natürlich. Das hat unsere Beziehung mehrmals gerettet. Jetzt höre ich nur alte Interpreten. Sie zeigen mir den Weg, den ich gehen sollte. Von den zeitgenössischen Interpreten kann ich drei, vier nennen, die auf dieser Ebene spielen. Wenn ich alles andere höre, berührt das meine Seele nicht. Das geht vorbei. Wenn ich diese alte Aufnahme nicht hätte, oder wir nicht hätten, würde man denken, dass es nichts anderes gibt. Es geht auch nicht um die einzelne Interpreten. Es geht um die ganze Generation. Sie haben alle unterschiedlich gespielt, viel unterschiedlicher als jetzt. Jetzt spielen alle gleich. Das ist genau, wie mit den Ärzten, als ich im Krankenhaus lag. Ich denke, sie haben mich in eine falsche Abteilung gelegt und irgendwann wieder nach Hause geschickt. Sie haben nur in einen Computer geschaut. Niemand hat mir zugehört. Jeder hatte ein Konzept über meine Krankheit und alles, was nicht dazu gehörte, haben sie ignoriert. Genauso ist es mit der Musik. Keiner schaut über die Noten hinaus. Früher gab es keine CD-Aufnahmen. Dann entdeckt man in den Noten so viel, wie man kann. Es gibt keine andere Möglichkeit. Es gibt kein Vorbild. Du beschäftigst dich mit dem Text und deine Persönlichkeit entwickelt sich von alleine. Ich möchte mich vergessen, wenn ich interpretiere.

Komponieren Sie auch?

Nein, leider. Noch einmal zur Frage Schüler und Lehrer. Wenn ich unterrichte, dann habe ich das Gefühl, dass ich nicht nur für die musikalische Ausbildung verantwortlich bin, sonder für das Leben meines Schülers. Sehr oft passt das nicht zu seiner Erwartung. Das ist auch ein Problem. Ich möchte nicht etwas gegen seinen Willen machen. Ich habe kein Recht dazu. Anderseits, denke ich, vielleicht versteht er das noch nicht, vielleicht wirkt das trotzdem, vielleicht wirkt das in zwanzig Jahren. Das ist für mich ein Problem. Ich habe 37 Schüller in einer Woche im Einzelunterricht. Ich frage mich, wie kann ich das ihnen vermitteln?

Ein Lehrer sollte also in ihrem Fall nicht nur ein guter Musiker sein, sonder auch eine Persönlichkeit, die einem Schüler etwas für sein Leben geben kann.

Ich verstehe es so und ich denke, dass die Möglichkeiten, die Lehrer oder Ärzte jetzt haben, sehr begrenzt sind. Ich denke, es gibt jetzt kaum Ärzte und kaum Lehrer. Das ist fast unmöglich. Beide Berufe sind einander sehr ähnlich, meiner Meinung nach. Diese Situation macht mir große Sorgen. Als ich jetzt im Krankenhaus lag, habe ich das gleiche gesehen. Die Ärzte können nicht Ärzte sein, Krankenschwester auch nicht. Sie müssen durchhalten.

Es geht also nicht nur um die körperliche Genesung sonder auch um die seelische.

Unbedingt. Das sage ich, weil ich das von meinem Beruf kenne. Nur wenn du einen Schüler als dein Kind siehst, dann kannst du ihm etwas geben..

Man gibt ihm vielleicht die Technik?

Wenn man ihm eine technische Sache erklären will, ist es das gleiche. Ich muss genauso, wie ein Arzt, die Krankheit erkennen, eine Diagnose stellen, ich muss die richtige Medizin verschreiben. Für jeden, etwas anderes. Und dann funktioniert das. Wenn ich das mache, dann bekommt mein Schüler auch eine Erziehung, wie in einer Familie. Wenn meine Tochter sieht, wie ich lebe, dann ist das für sie eine richtige Erziehung. Zu viel gesagt, zu viel verschiedene Sachen, trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich das Wichtigste nicht gesagt habe, wie immer.

Sagen Sie jetzt das Wichtigste.

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Das Schweigen.

Ja, das Schweigen.