Interview mit Dilek Güngör

Fünf Jahre hat Dilek Güngör ihre beliebten Glossen und Kolumnen in der Berliner Zeitung veröffentlicht. Jetzt erscheinen sie gesammelt mit dem Titel „Unter uns“ im Verlag Edition Ebersbach.

Wie ist es dazu gekommen, dass Du in den Glossen und Kolumnen für die Berliner Zeitung von Deiner Familie geschrieben hast?

Anfangs war das überhaupt nicht geplant. Ich hatte die ersten drei, vier Mal über unterschiedliche Dinge geschrieben. Nach einem Telefonat mit meiner Mutter, indem sie bedauert hatte, dass ich nicht mit ihnen im Garten sein kann, sondern hier im grauen Berlin leben muss, ist mir wieder aufgefallen, wie eng unser Verhältnis eigentlich ist. Wir bedauern uns immer gegenseitig, dass wir z.B. Reisen, die wir getrennt unternehmen nicht zusammen genießen können. Und ich habe daraus eine Glosse gemacht und habe vor allem über meinen Vater geschrieben. Und auch das nächste Mal. Komischerweise kam das bei meinen Kollegen sehr gut an und sie sagten, ich solle ruhig mehr über meine Familie schreiben. Mein Vater stand in den Glossen immer im Mittelpunkt und ich habe versucht auch problematische Situationen unterhaltsam wieder zu geben. Oft waren es reale Ereignisse gewesen, oft habe ich zwar etwas hinzu gedichtet aber der Kern der Geschichten war schon immer realistisch.
Mein Vater probiert zum Beispiel immer wieder gerne neue Strecken aus und jedes Mal verfährt er sich dabei. Oder mein Vater schimpft oft über meine Mutter und behauptet, dass alles was sie in ihre Handtasche steckt für alle Ewigkeit verloren geht.

Das sind Geschichten, die jeder teilen kann, ob türkischer oder deutscher Herkunft, oder?

Ja, aber es gab auch viele Leser, die sagten, dass es sie freue, etwas über das türkische Leben zu erfahren. Andere haben auch eine Tante wie Tante Hatice, die vor allem in den Kolumnen vorkommt, die ich später geschrieben habe. Die Geschichten sind nicht speziell türkisch und das war mir auch sehr wichtig. Ich habe diese Arbeit nicht gemacht, um einen Beitrag zur Integration zu leisten. Denn es ist deutscher Alltag, der in den Geschichten zum Ausdruck kommt. Eine türkische Familie, die in Deutschland lebt und was sie hier erlebt, das ist deutsches Alltagsleben. Obgleich es aber nicht meine Intention war, gibt es deutsche Leser, die sich darüber wundern, dass man Suppe mit Yoghurt essen kann und viele haben den Eindruck, dass in meinen Geschichten der Exot vorgestellt wird und wie er sich benimmt, was er isst, wie er redet und denkt.

Steckt dahinter nur Exotismus?

Ich denke, dass es eine Menge Leute gibt, die seit 20 Jahren türkische Nachbarn haben, die Leute grüßen und kennen, aber sich dennoch fragen, was die da in Wirklichkeit treiben.

Aber dabei es das doch längst schon ganz normaler, deutscher Alltag geworden.

Du wolltest also auch keine Vorurteile bekämpfen. Aber in Deinen Geschichten gibt es auch Stellen, wo türkische Vorurteile gegenüber Deutschen vorkommen.

Das gibt es auch. Auch, dass wir zusammen Weihnachten gefeiert haben. Es gibt türkische Verwandte die sagen, dass wir damit etwas übertreiben. Alle Kinder im Kindergarten hatten Geschenke für die Eltern gebastelt und unsere Eltern hatten Weihnachten gefeiert, damit wir uns nicht ausgeschlossen fühlten. Aber Weihnachten war auch immer ein Feiertag und die Leute hatten frei, die Tante ist zum Essen gekommen und wir haben auf unsere Art mitgefeiert.

Warum sind Deine Eltern nach Deutschland gekommen?

Sie wollten nach Deutschland. Mein Vater wollte wegen der Arbeit und meine Mutter wollte aus der Enge des Dorfes ausbrechen. Sie waren schon immer neuen Dingen gegenüber offen. Meine Mutter hat vieles in ihrer Familie als drückend und einengend erlebt und die Migration nach Deutschland wurde von ihr als Befreiung empfunden.

Dein enges Verhältnis zu Deiner Familie kommt auch in Deinen Kolumnen deutlich zum Ausdruck. Wie gehen Deine Eltern mit den Geschichten um?

Ich merke zum Beispiel, dass ich meine Eltern in vieler Hinsicht falsch einschätze.
Es gibt eine Kolumne in der es um Sex im Fernsehen geht. Das war früher ein Problem gewesen als wir noch Kinder waren. Es ist aber interessanterweise heute so, dass wir Kinder jetzt umschalten, wenn eine Sexszene kommt, um unseren Eltern diesen Anblick zu ersparen. Ich habe das in einer Kolumne beschrieben und seitdem machen meine Eltern Witze darüber und die ganze Familie kann damit viel lockerer umgehen. Als es in den Glossen anfangs nur um meinen Vater ging, hatte ich ihm das nicht erzählt, weil ich dachte er würde es nicht gut finden. Ich schenkte ihm dann zu Weihnachten die ersten Glossen und offenbarte ihm, dass ich seit einem Jahr über ihn in der Berliner Zeitung schreibe. Er war natürlich sehr erstaunt und machte sich Sorgen über die Reaktionen der Leser bis ich ihm die vielen positiven Leserbriefe gezeigt habe. Im Grunde freut er sich darüber und ist auch stolz auf mich aber er kann es nicht zeigen, er sagt es aber der Mutter und sie sagt es mir. Vor meiner Pubertät hatten wir ein ganz enges Verhältnis, später hatte er eine gewisse Distanz mir gegenüber aufgebaut und wir hatten kaum noch miteinander gesprochen. Aber die Kolumnen haben auch in dieser Hinsicht etwas bewirkt und wir haben wieder eine ganz neue Kommunikation aufgebaut.

Man kann also sagen, dass Deine Geschichten zwischen den Generationen vermitteln. Hattest Du selbst auch immer eine Vermittlerrolle in der Familie gespielt? Oder auch zwischen deutschem und türkischem Kontext?

Zum Glück musste ich nicht so peinliche Dinge machen wie andere. Zum Beispiel mit der Mutter zum Arzt gehen, weil sie kein Deutsch kann. Aber ich lerne mit den Kolumnen viel über meine Familie. Zum Beispiel, dass ich sie immer in einem ganz anderen Licht gesehen habe. Das hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass sie Türken sind. Zum Beispiel dachte ich als Kind immer, ich muss immer bis zehn Uhr zuhause sein, weil ich Türkin bin. Die anderen dürfen das, nur ich nicht. Irgendwann bin ich dahinter gekommen, dass die anderen das auch nicht dürfen. Alles, was für mich als Kind nicht stimmte oder mir nicht gefallen hatte, war entweder deutsch oder türkisch.

Warum zieht man schon als Kind solche Grenzen. Wie kommt es zu solchen Projektionsflächen?

Man spürt einen Unterschied. Man spürt, dass man nicht ist wie die anderen. Oder andere lassen es dich spüren. Aber ich merke jetzt, dass es schwierig ist an manche Situationen wirklich fest zu machen, was eingebildet war und was real. Kinder lernen ja das was ihnen die Eltern vorsetzen und sie kopieren die Erwachsenen. Aber Kinder können grausamer sein und sagen direkt, dass sie nicht mit Dir spielen wollen.

Darin besteht eine wirkliche Schwierigkeit und kann zu einem Dilemma führen, weil man nicht mehr weiß, was reale Ausgrenzung war und was nicht.

Aber man spürt es und ich weiß, dass es schon sehr früh war und dass ich es immer noch mit mir trage. Und es setzt sich fort und jedes Mal, wenn man zum Beispiel hört, dass man doch sehr gut Deutsch spreche, obwohl man Türkin ist oder die Tatsache, dass ausgerechnet die kritischen Leserbriefe oft einen rassistischen Unterton haben, dann wird man immer wieder daran erinnert. Aber auch wenn ich weiß, ich bin in Deutschland geboren, ich habe einen deutschen Pass, ich schreibe eine Kolumne in einer großen deutschen Tageszeitung, ich absolviere ein Studium in England, auch wenn ich all das aufzähle, werde ich nie das Gefühl haben, dass ich einen Status erreicht habe, wo dieses Problem keine Rolle mehr spielt.

Gibt es nicht einen Zeitpunkt wo man sich entscheiden muss, wann man persönlich damit abschließt?

Manche Freunde sagen mir, dass es doch normal ist, dass man nach der Herkunft gefragt wird. Man ordnet die Welt so ein. Einer kommt aus Treptow oder aus Zehlendorf und bekommt einen Stempel aufgedrückt. Aber in Deutschland ist man auch vom Gesetz her nur ein Deutscher, wenn man deutschen Blutes ist und ich glaube, dass ist in den Köpfen vieler noch fest verankert. In England übe ich gerade ein wenig zu sagen, dass ich Deutsche bin:  „I’m from Germany!“, fertig. Vielleicht gewöhne ich mir das auch hier an. Viele Türken haben aber auch gedacht, dass sie irgendwann zurückgehen und viele leben immer noch in dieser Illusion. Wir haben Bekannte, die über Jahre hinweg Elektrogeräte für die Rückkehr in die Türkei gekauft haben, sie nie benutzt haben und für die Abreise eingepackt ließen. Die Dinge liegen immer noch da und sind mittlerweile veraltet. Das Leben ist an ihnen und an den Geräten vorbei gezogen. Sie konnten ihre Sachen nie genießen. Irgendwann wachen manche auf und stellen fest, dass sie schon dreißig Jahre hier sind und eigentlich wollte sie schon längst weg. Das finde ich tragisch.

Dein Studium in England kreist auch um das Thema Migration und Identität. Wirst Du  in Zukunft auch mehr über die Probleme dieses Kontextes schreiben?

Die theoretischen Hintergründe und Herangehensweisen sind wirklich sehr wichtig zum Verständnis, andererseits habe ich mich mein ganzes Leben mit solchen Fragen beschäftigt. Meine Familie ist ein Beispiel für die Mischung zwischen den Traditionen, wir backen Adventsplätzchen und feiern Weihnachten, aber auch muslimische Feste. Beides hat Platz im Leben. Man muss sich nicht immer nur für das eine oder das andere entscheiden oder sich als mehr deutsch oder mehr türkisch fühlen. Aber ich wollte auch bisher nicht allein über das türkische Leben in Deutschland schreiben. Das Thema Migration und ethnische Identität geht ja auch Deutsche etwas an. Ethnie haben ja nicht nur die anderen, sondern auch Deutsche müssen sich mit ihrer Identität auseinandersetzen. Wie fühlt man sich als Deutscher? Ich bin Türkin, dann habe ich einen deutschen Pass bekommen und jetzt sage ich eine Weile, dass ich Deutsche bin und irgendwann überlege ich mir etwas anderes.

Was schuldet die deutsche Gesellschaft den Kindern der Einwanderer?

Viele müssten endlich begreifen, dass der Gedanke von Nation hochgradig imaginär ist. Wir sind nicht Deutsche, weil wir immer Deutsche waren. Die Symbole und nationalen Mythen sollten mehr hinterfragt werden, da sie komplett erfunden sind. In Deutschland ist es sehr stark verankert, dass es etwas an sich Deutsches gibt, was nur Deutsche haben und nicht die, welche hier eingebürgert wurden. Es gab Zeiten, in denen ich Deutsch sein wollte, in denen ich mich sogar für meine Eltern geschämt hatte. Meine Eltern gehörten nie richtig dazu, obwohl sie in der Nachbarschaft immer als die vorbildlichen Türken gehalten wurden. Aber das zeigt auch, dass sie nie ernst genommen wurden. Wenn sie von ihren Vorurteilen gesprochen haben, sagten sie immer, dass sie uns ja nicht damit meinen. Auch der Glaube, dass alle Probleme gelöst werden, wenn alle gut Deutsch sprechen, ist eine Illusion. Es ist ein politisches und ein soziales Problem. Man muss sich entweder für die eine oder andere Staatsbürgerschaft entscheiden, warum gibt es keine doppelte Staatsbürgerschaft? Aber auch das würde das Problem nicht endgültig lösen, weil auch die Gesellschaft noch nicht so weit ist.

Interview, Bearbeitung, Foto: Sascha Wilczek