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Du wurdest 1941 in Moskau geboren. Kannst Du Dich an die Jahre des Krieges und die Zeit direkt danach erinnern?
Erstaunlicherweise, ja. Nach Klärung aller Daten liegen meine ersten Erinnerungen im Spätsommer oder früh im Herbst 1945. Das sind meine ersten deutlich interpretierbaren Erinnerungen und diese Erinnerungen haben etwas mit dem Krieg zu tun. Ich erinnere mich an den Tag, als mein Onkel Lew Bimman zurückkam aus dem Krieg. Er trug seine zerlumpte Soldatenuniform, sie war abgetragen, abgewälzt. Er kam rein und meine Mama schrie, er verdrecke alles. Auf dem Boden wurden Zeitungen ausgelegt und er durfte sich auf diesen Zeitungen ausziehen. Wir hatten zwei Zimmer in einer Mehrfamilienwohnung. Das war in Moskau und im Ostblock üblich. Mama brachte dann einen Hocker, auf den sie auch eine Zeitung legte und er stellte seine Soldatenstiefel darauf ab, damit sie nicht den Boden verdreckten. Dann waren da seine Wickellappen…Ich weiß nicht, ob man in Deutschland weiß, was Wickellappen sind; es gab keine Socken bei den Soldaten, stattdessen nahm man große Lappen aus Filz oder Flanell oder einfach aus Baumwolle, die die Soldaten um ihre Füße wickelten bevor sie in ihre Stiefel stiegen. Ein routinierter Soldat, wickelte er seine Lappen um den Schaft seiner Stiefel. Und sie rochen! Dann ist er ins Bad gegangen und duschte sich sehr lange. Das ist meine erste Erinnerung. Ich stand schon in meinem Babybett und ich erinnere mich genau an diese Lappen, die so stark rochen und wie die Soldatenstiefel auf dem Hocker in der Mitte der Stube standen. Viel später lernte ich, diese Gerüche aus der Erinnerung zu interpretieren, nach allem was dieser Geruch beinhaltete. Der Kriegsgeruch eines Soldaten, der endlich zu Hause angekommen seine Stiefel auszog. Das ist meine erste, sehr deutliche Erinnerung. Ich muss damals ganz knapp älter als ein Jahr gewesen sein.
Wie waren diese ersten Jahren nach dem Krieg für Dich und Deine Eltern? War da eine Euphorie, dass man den Krieg gewonnen hatte oder eher Traurigkeit durch die Armut und Ellen, die nach dem Krieg herrschten?
Das war stets eine Mischung für mich. Ich kann mir vorstellen, dass es für manche in die eine, für andere in die andere Richtung ging. Zum einen, wir als Juden fühlten uns in Folge des sowjetischen Sieges wie aus dem sicheren Tod gerettet. Das prägte natürlich meine Eltern. In der Familie meiner Mutter sind sehr, sehr viele umgekommen, weil dort ein großer Teil der Verwandten auf dem besetzten Territorium in Odessa geblieben war. Man deportierte oder brachte sie direkt vor Ort um. In der Familie meines Vaters, also seine Frau und sein Sohn aus erster Ehe, blieben in der Stadt Borissow. Sie schafften es nicht, die Stadt rechtzeitig zu verlassen und die Nazis haben sie in einer Grube mit vielen anderen erschossen und begraben. Eine Schwester meines Vaters starb in der Evakuierungszeit, sie verhungerte. Man konnte ihr nicht helfen. Meine Eltern waren relativ gut situiert.
Was haben Deine Eltern getan?
Mein Vater ist eine komplexe, sehr positive Figur. Zu der Zeit arbeitete er als Wirtschaftsberater im Ministerium für Eisenerzindustrie. Meine Mama war Gruppenleiterin und Wirtschaftsingenieurin im Ministerium für Kohleindustrie. Das waren relativ geschützte Bereiche. Als der Krieg ausbrach war sie auf einer Koordinationsreise außerhalb von Moskau. In den ersten Tagen des Krieges meldete sich mein Vater freiwillig zur Front. Mich gab es damals noch nicht. Er hinterließ einen Liebesbrief für Mama über seine Pflichten und Berufungen. Als meine Mama zurückkam, verstand sie die Situation sofort, schätzte die Lage richtig ein und über ihre Verbindungen im Kohleministerium schaffte sie es, meinen Vater von der Front zurückzuziehen.
Die Front hätte seinen sicheren Tod bedeutet.
Ziemlich sicher, wenn er geblieben wäre, da er der Moskauer Volkswehr zugeordnet wurde. Dann gab es diese Evakuierungsanordnung. Die wichtigen Ministerien und Koordinierungen mussten auch während des Krieges aufrecht erhalten werden und so wurden sie nach Ural verlagert. Meine Eltern haben die Jahre bis 1943 auf dem Ural verbracht. Als klar war, dass Moskau nicht abgegeben würde und die Front sich langsam gen Westen verlagerte, kehrten die Ämter nach Moskau zurück und so kamen auch meine Eltern im Herbst oder Winter 1943 zurück. Du wolltest aber von meinen Erlebnissen in der Nachkriegszeit hören Sehr gemischt. Einerseits wurde viel gefeiert auf den Straßen und in so genannten Volksempfängern. Es gab damals kein Radio außer dem vorgeschriebenen. Es war also sehr feierlich, nahezu pompös. Ich war damals zwei oder drei Jahre alt. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich im Kinderwagen spazieren geführt wurde. Die Straßen wurden überall mit roten Fahnen und Tüchern geschmückt. Man spielte laute Marschmusik. Es gab diese Psalme, die das sowjetische Volk, den Sieg, die Partei und die führende Position der Regierung besangen. Das alles war sehr künstlich. Es war eine erschaffene Atmosphäre und sie war sehr, sehr feierlich. Einerseits erinnere ich mich an diese akustisch und optisch wahrgenommenen Feierlichkeiten, anderseits waren die ersten Jahre meiner Kindheit begleitet vom herzzerreißenden Anblick der Kriegsveteranen, die meisten behindert, um Geld betteln. An jeder Ecke saßen Kriegsveteranen ohne Beine oder Arme oder gar nur mit halbem Körper, halbem Gesicht. Es gab so viele von ihnen, dass überhaupt nicht die Rede sein konnte von einer organisierten Bettelmafia, wie es sie in späteren Jahren gab. Das waren einfach Leute, die verkrüppelt aus dem Krieg nach Hause kamen und deren Existenz nach dem Krieg nichts mehr wert war. Viele von denen, die ihre Beine verloren hatten, saßen auf kurzen Brettchen, Hackbretter oder dicke Fleischbretter, auf denen Frauen sonst Gehacktes machten. Man hatte Achsen mit Rollen unter diese Bretter geschnallt. Das war schon ein echtes Industrieerzeugnis. Die besser situierten Veteranen benutzten bügelförmige Holzklötze, mit denen sie sich abstützten und fortbewegten. Die, die sich so etwas nicht leisten konnten, wickelten sich Fäuste aus Birkenrinde oder Baumrinde um die Hände. Die Geräusche, die die Metallräder auf Unebenheiten des Asphalts und auf Kopfsteinpflaster machten ein metallisches Klatschen prägten mich genauso intensiv wie die parteiverherrlichende Marschmusik, die aus den Lautsprechern dröhnte. Diese beiden Geräusche, diese zwei unterschiedlichen Formen von Klang mischten sich wie zwei Farben und prägten meine initiale Erfahrung vom Krieg. Es sind vielleicht die stärksten Empfindungen bis zu meinem fünften oder sechsten Lebensjahr. Alles andere legte sich in der Erinnerung. Ich weiß noch, dass mein Vater eines Tages mit seinen zwei Freunden fort ging, in die Vorstädte. Sie blieben eine Woche lang fort und als sie wiederkamen hatte mein Vater einen riesigen Sack Fischmehl dabei. Ich habe keine Ahnung, wie sie das geschafft hatten gebettelt, gestohlen, gekauft. Wir aßen von diesem Fischmehl vielleicht ein Jahr lang, kochten Suppe daraus. Fischmehl besteht aus minderwertigem, trockenem Fisch. Damals begann schon die Fischindustrie. Es gab eine Art Karteisystem.
Die Lebensmittel wurden rationiert.
Ja, so genannte „Talons“, Bons oder Gutscheine. Fischmehl war nicht inbegriffen in der Ration.
Es entwickelte sich ein Schwarzmarkt!
Allemal, natürlich. Das Fischmehl und das ganze Drumherum war ein wichtiges Ereignis. Ich weiß nur, dass viele Freunde und Verwandte kamen. Meine Mutter hatte Pakete aus zwei, drei Kilo Fischmehl abgefüllt, gebunden mit einem Spagat, es gab kein Kleber. Verpackungstechnik gab es noch nicht. Tüten drehte man selbst, aus Papier oder alten Tapeten - was man eben fand. Außer Verwandten und Freunden kamen auch Leute, die uns unbekannt waren und behaupteten: „Ich bin ein Freund von dem oder dem. Gebt mir bitte etwas.“ Sie bekamen einen Anteil, was zu Streitigkeiten zwischen meinen Eltern führte. Mein Vater meinte, wenn wir haben, müssen wir teilen. Meine Mutter meinte, wenn wir haben, müssen wir für uns sorgen, wir können nicht mit allen teilen. Es war kein Skandal, aber ich kann mich gut an diese Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und meiner Mutter gut erinnern. Mein Vater sagte, wenn wir einmal etwas gefunden haben, kann es uns auch ein zweites Mal gelingen. Eines Tages kam mein Vater mit einem nicht so großen Sack mit Kartoffelschalen. Er hatte sie von irgendeinem Unternehmen, Kombinat oder Restaurant bekommen. Diese Kartoffelschalen haben meine Eltern unter den Nachbarn verteilt. Man konnte sie nicht lange aufbewahren. Im Bad und in der Küche standen alle Nachbarn mit Schuh- und anderen Bürsten, die Kartoffelschalen schrubbend und reinigend. Daraus wurde die erste Kartoffelsuppe meines Lebens gekocht. An die kann ich mich sehr gut erinnern. Sie war sehr ungewöhnlich im Geschmack. Ich wollte sie nicht essen. Meine Mutter versuchte, mich dazu zu zwingen. Man kann vielleicht indirekt etwas aus dieser Erzählung schließen.
Ich würde Dich gern nach der politischen Situation fragen. Wir wissen heute von den schrecklichen Stalinverbrechen. Es war nicht nur der Kampf gegen das Naziregime, es war ein Kampf gegen die politischen Gegner der kommunistischen Partei (reale oder imaginäre). Man hat Millionen Menschen umgebracht oder nach Sibirien abtransportiert. Jeder beliebige Vorwand genügte, um verschleppt oder verhaftet zu werden.
Es war sicherlich nicht so einfach, wie es Deine Frage impliziert. Die Mechanismen der Verfolgung waren viel komplexer. Es lag am System mit dem die Bevölkerung zum „Mitmachen“ gezwungen wurde. Es hat das ganze stalinsche Staatsystem absolut mitgetragen. Es waren nur wenige, die sich dagegen auflehnten. Diese wenigen wurden von der Bevölkerung zum einem bewundert, zum anderen gehasst. Bewundert, weil jeder Mensch in sich einen Verhaltenskomplex trägt, den ich Anstand nenne. So viele Dumme gibt es in keinem Volk, um einfach alles blind zu glauben. Gehasst wurden die, die in KZs gebracht oder erschossen wurden, weil die Verfolgung oder Exekutierung jener immer zum Anlass dazu genommen wurde, um immer breitere und immer weitere Bevölkerungsschichten zu kontrollieren, zu verhaften, zu verdächtigen oder sonst was. Diese ambivalente Einstellung spürte ich und mein Gedächtnis fixierte sich darauf - das konnte ich aber erst viel später verarbeiten. Ich konnte meine Reaktion damals, so wie ich sie jetzt erzählen kann selbstverständlich nicht erklären, geschweige denn verarbeiten. Ich weiß, dass es sehr viel Angst gab, sehr viel Angst in meiner Familie und sehr viel Angst bei den Nachbarn und Bekannten. Diese Angst äußerte sich in Geboten und Verboten des einfachen Lebens, aber auch in Witzen, die man sich erzählte. Mein Vater erzählte gerne Witze. Meine Mutter schimpfte ihn deswegen, weil er nicht vorsichtig genug war. Ein typischer Witz war der folgende: Ein Freund kommt zum anderen Freund und sagt ihm unter vier Augen: „Du hör mal, wir sind doch Jugendfreunde, wir saßen auf einer Bank zusammen in der Schule, es gibt so viel Vertrauen zwischen uns. Auf einmal merke ich, dass Du mir nicht vertraust. Du beleidigst mich einfach. „Ja, warum vertraue ich Dir nicht? Ich vertraue Dir hundertprozentig!“ „Wenn Du mir vertraust, dann sage mir, was du über Stalin denkst?“. Meine Eltern sprachen Jiddisch miteinander. Ich wollte auch mit ihnen kommunizieren. Meine Mama verbot mir aber, Jiddisch zu sprechen. Ich durfte nur Russisch reden.
War es gefährlich, Jiddisch zu sprechen?
Das war im allgemeinen gefährlich. Wenn ich in der Schule mit einem Kameraden etwas anderes als russisch spräche, oder Verdacht erregte, dass ich gar kein russisch spräche, konnte es zu einer Untersuchung meiner Familie führen, ob ich eine adäquate nationale Erziehung bekäme. Man konnte nie beweisen, dass dies nicht der Fall war. Es konnte dazu führen, dass meine Eltern ins Gefängnis oder ins KZ gebracht würden und dass ich ins Weisenhaus gesperrt würde. Das ist mit vielen Kindern passiert. Es war eine direkte Bedrohung. Darüber hinaus wollte mein Vater mir Hebräisch beibringen. Mein Vater sprach perfekt Hebräisch. Als meine Mutter das mitbekam, hat sie es ihm sofort verboten. Dazu muss man wissen, die einzige Sprache, die zu lehren und zu lernen im Strafbuch verboten war, war Hebräisch. Jiddisch war erlaubt. Es gab ein paar offizielle Zeitungen in Jiddischer Sprache, ein paar Zeitschriften. Es wurden einige jüdische Schriftsteller, die auf Jiddisch schrieben verlegt, nicht viele, aber es gab welche. Alles Hebräische wurde verfolgt und verpönt. Ein enger Freund meines Vaters, Israel Preugersohn, wurde verhaftet und musste mehrere Jahre im KZ dafür büßen, dass er seine Schüler Hebräisch lehrte. Einer dieser Schüler war ein MGB Angestellter, unter dessen Beweisführung herauskam, dass er Hebräisch lehrte. Selbst in den Familien war es verboten, den eigenen Kindern Hebräisch beizubringen. Was nicht ausschließlich für Juden galt, es war allgemein streng verboten, eigene Kinder religiös zu erziehen, auch christlich - ob nun katholisch, protestantisch oder russisch orthodox, muslimisch oder jüdisch. Da machte der Staat keinen Unterschied und die Leute, die ihre Kinder religiös unterrichteten, wurden der religiösen Propaganda beschuldigt, was strafbar war. All diese Ängste spürte ich deutlich und das Spitzeln war eine blühende gesellschaftliche Erscheinung. Einige Male habe ich verschiedene Nachbarn dabei erwischt. Es war so: Ich las auf der Toilette. Es gab nur eine Toilette in der Kommunalka, der Mehrfamiliewohnung. Manchmal blieb ich dort länger, wenn ich wusste, dass kein Andrang war. Um zurück zur Wohnung zu kommen, musste ich durch einen langen dunklen Flur und sah, dass mal die eine, mal eine andere Nachbarin mit ihrem Ohr an der Tür stand oder durchs Schlüsselloch spähte. Das war gang und gäbe. Es ging relativ friedlich zu in unserer großen Wohnung. Es gab, bis auf eine, keine großen Fälle von Denunziation. In unserer Wohnung lebten zwölf Familien, die sich ein Bad, eine Toilette und eine Küche teilten. Es gab Schicksale, die uns allen sehr nahe gingen. Von diesen zwölf Familien gab es vielleicht nur zwei, in denen keine Familienmitglieder im KZ waren.
Tatsächlich?
Ja. In einer Familie gab es einen Mann mit dem Spitznamen Bron’ka. Er war ein Dieb - ein sehr, sehr netter Mann. Er landete etwa alle zwei Jahre im Gefängnis. Da saß er nicht sehr lange, ein bis zwei Jahre, kam zurück, war ein paar Monate zu Hause, bis man ihn wieder erwischte. Er war ein echter Krimineller und man muss dazu sagen, dass es unter den professionellen Kriminellen auch Organisationen gab. Wenn er nach Hause kam, ging es seiner Familie zwei Wochen später wieder gut. Sie hatten zu essen, neue Kleider, etwas Geld. Er versorgte seine Eltern und Geschwister. Dann ging etwas schief und er ging wieder ins Gefängnis. Ich war damals sehr klein - sechs, sieben Jahre alt. Bron’ka war ein sehr kommunikativer Mensch. Er spielte Gitarre, sang Gefängnislieder und war äußerst charmant. Ich mochte ihn, er mochte mich, ich saß oft auf seinem Schoß. Einmal fragte ich ihn: „Bron’ka, warum bist du ein Dieb? Du gehst doch immer ins Gefängnis.“ Er sagte: „Ich bin so ein Mensch. Es ist gar nicht so schlecht, ein Dieb zu sein. Hauptsache, man lässt sich nicht fallen.“ Das ist das Bild, das ich von ihm habe. Dass er andere Menschen oder Institutionen ausraubte, spürte ich in diesem Alter nicht. Im Alltag war er ein sehr, sehr netter Mann. Vielleicht der fröhlichste von denen, die ich kennen gelernt habe. Es gab auch in anderen Familien Häftlinge. Die meisten waren aber im KZ und hatten lange Strafen abzusitzen. Man schickte ihnen Pakete. Als ich schon Schüler war, kamen sie langsam zurück. Das waren keine fröhlichen Leute - hauptsächlich Wissenschaftler, Akteure und Mediziner. Es waren Leute mit ganz anderen Berufen, echte Kulturträger. Die meisten von ihnen kamen ins KZ nicht wegen Diebstahls, sondern Denunziationen und angeblichen Staatsverbrechen.
Man versuchte, diese intellektuelle Schicht einzusperren, zum Schweigen zu bringen.
Die Verhältnisse in unserem Haus, in der Kommunalka entsprachen etwa der im ganzen Land. Es gab einen Dieb und die anderen waren Intellektuellen. Der Dieb war ein netter Mensch, fröhlich, ein Mann, wie ich dachte, vom Volke und die anderen galten als Feinde des Volkes. Ich weiß, dass sie einander nicht mochten. Es gab keine Konflikte in der Wohnung, die Begegnung wurde aber dennoch gemieden. Ich weiß, dass in den KZs die richtigen Kriminellen immer Unterstützung von der Administration fanden. Das war eine Methode, um die so genannten Staatsverbrecher zu unterdrücken. Die Tatsache, dass die Intellektuellen den Kriminellen ausgeliefert waren, war eine starke Drohung.
Wie war das für Juden damals in der Sowjetunion - Gab es Antisemitismus?
Allemal. Du meinst in meiner Kindheit? Schon als Kind wurde ich in der Schule oder im Sommer-/Erholungslager oft verprügelt dafür dass ich Jude bin. Ich prügelte zurück oder verteidigte mich. Auf diese Weise habe ich das Kämpfen gelernt, wenn Du so willst. Ich war kein Feigling, auch wenn ich sehr oft unterlegen war.
Wie hat sich das entwickelt? Hat es sich in den späteren Jahren verstärkt?
Auf der Beziehungsebene unter den Kindern hörte das irgendwann auf. Man wusste von mir, dass ich unter Umständen ziemlich radikal und mit großem Risiko für mich zurückschlage. Das verschaffte mir Respekt, auch als Jude. Zweitens, diese kindliche Aggression nahm mit Beginn der Pubertät stark ab. Ich gewann Freunde - Juden und auch einige Nicht-Juden. Judenhasser mieden mich. Diese Art von Konflikten hatte ich dann nicht mehr, sie wandelten sich in eine andere Form. Es gab einige antisemitische Lehrer, aber eher selten. Eine solche Lehrerin, Irina Ivanovna Oblezowa bekam ich in der neunten Klasse. Sie lehrte Sprache und Literatur. Ich war Schulbester in diesem Fach. Sie versuchte, mir zu beweisen, dass ich es nicht bin und gab mir schlechtere Noten. Das war ein Problem für sie. Ich kämpfte um jede Note. Dieser Kampf ging bis zur Abiturprüfung, wo sie in meinem schriftlichen Aufsatz drei Fehler nachwies. Ich bestritt diese Fehler. Es war ein freies Thema. Ich hatte es gewählt, weil man beim Pflichtthema eher der Willkür der Lehrer ausgeliefert war. Beim freien Thema kann man zumindest die eigene Komposition gestalten. Das Thema war „Intellektuelle Errungenschaften im Dienste der neuen kommunistischen Gesellschaft“. Ich fühlte mich einigermaßen sicher im Bereich der intellektuellen Errungenschaften, um sie korrekt darstellen zu können. Dass sie alle im Dienste der kommunistischen Gesellschaft und dem Aufbau des „neuen Menschen“ stehen sollten, war leicht in einem Absatz zu sagen. So konnte ich mich mehr den Errungenschaften widmen. Das funktionierte auch als Komposition. Unter anderem schrieb ich über das Große Fermatsche Theorem die geniale Hypothese eines berühmten spätmittelalterlichen Mathematikers, Pierre de Fermat. Ich schrieb ein paar Sätze darüber, wie ein mathematisches Problem nichtsdestotrotz intellektuelles Gut für die Menschheit darstellt. Sie korrigierte Fermat durch Fermis, den italienischen Physiker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Von dem Mathematiker hatte sie nie gehört und den Namen Fermis kannte sie aus der Presse. Das war der erste meiner Fehler. Der zweite Fehler ich verwendete das Wort „Crescendo“, den musikalischen Terminus. Ich projizierte das Wort Crescendo auf die Entwicklung der humanen Sphären und unsere große Vordenker wie Kepler. Über die Musik der Sphären kann man sagen, dass ihre Entwicklung von einem gewissen gestigen Crescendo begleitet wird. Sie hat mir das Wort Crescendo korrigiert, offensichtlich nicht das Wörterbuch konsultierend, wie man es buchstabiert. Der dritte Fehler war, dass ich tatsächlich irgendwo ein Komma vergessen hatte. Ich habe dann die falschen Korrekturen beanstandet. Der Prozess der Beanstandung dauerte so lange, dass die Anerkennung erst eintraf, nachdem ich mein Reifezeugnis mit allen Noten erhalten hatte. Aus diesem Grund bekam ich als Schüler die Silbermedaille nicht. Diese besagte Lehrerin war bösartig gegen mich und sagte einer Gruppe von anderen Schülern, unter denen auch einige meiner Freunde waren, „zhidowskaja morda zhit’ ne dajot“ (dieses Judenschwein lässt mich nicht leben). Dies ist nur ein Beispiel für viele Vorfälle in der Schule. Es gab natürlich unzählige Erscheinungen von Antisemitismus, die ich als Jugendlicher bis zum Studium erlebte. Alle aufzuzählen würde den Rahmen des Interviews sprengen. Ich möchte übrigens klarstellen, dass ich mich im studentischen Milieu sehr frei und wohl gefühlt habe. Antisemitismus war dort nicht existent. In der Auseinandersetzung mit der Universitätsadministration war es jedoch in hohem Masse spürbar eigentlich überall, wo es um irgendwelche administrativen Abläufe ging.
War der Zugang zum Studium für Jugendliche jüdischer Abstammung auf irgendeiner Weise erschwert?
Wenn Du schon so direkt fragst - In Russland gab es damals Aufnahmeprüfungen für die Hochschulen. In dem Jahr, in dem ich mich als Abiturient bei der Moskauer Universität bewarb, gab es sechs Aufnahmeprüfungen und 12,5 Bewerber pro Studienplatz. Das war ein richtiger Wettbewerb. Diesem Wettbewerb musste man sich stellen. Darauf habe ich mich zusammen mit meinen Freunden jahrelang vorbereitet, trainiert, gearbeitet. Wir hatten sogar einen Hilfslehrer. Unsere Eltern hatten zusammengelegt, damit wir einen Trainer engagieren konnten. Für uns war es nicht nur der Wettbewerb an sich, wir wussten, dass es für uns als jüdische Anwärter besonders schwierig sein wird, aufgenommen zu werden. Mit diesem Bewusstsein rüsteten wir uns mit Wissen, Kenntnis und Tüchtigkeit aus. Bei mir war es folgendermaßen: Die erste Prüfung war Mathematik schriftlich, dann kam Mathematik mündlich; Physik schriftlich, mündlich; Fremdsprachen und ein Aufsatz in Russisch und Literatur. Bei der Mathematik schriftlich löste ich alle Aufgaben, die zu lösen waren. Ich hatte genügend Zeit, um alles zu prüfen, zu korrigieren und sauber abzuschreiben. Man durfte auch Konzepte schreiben, musste aber alles, sowohl das Reine als auch die Kladde, abgeben. Das alles habe ich sorgfältig und in Ruhe gemacht und war mir ziemlich sicher, dass es O.K. war. Ich kam nach Hause und dort schrieb ich die ganze Arbeit noch einmal, anstelle mich zu erholen.
Aus dem Gedächtnis?
Aus dem Gedächtnis. Ich habe noch einmal die Aufgaben formuliert, rekonstruiert und analysiert, ob ich vielleicht doch irgendeine Lösung übersehen hätte oder ob ich Minderung wegen Unvollständigkeit zu erwarten hätte. Erst dann war ich mir absolut sicher, dass diese Arbeit nur die beste Note bekommen konnte. Drei Tage später ging ich mit dieser Sicherheit in die mündliche Matheprüfung und war einer der Ersten.
Telefon Unterbrechung……….
Entschuldigung, wo waren wir?
Sicherheit und die mündliche Prüfungen.
Ja. Entschuldigung, das waren zu viele Details, aber im Detail liegt ja bekanntlich die Wahrheit. Sonst kann man das nicht vermitteln. Ich war mir so sicher, dass ich nicht, wie es üblich war, zu dem Ausgang ging, wo alle Namenslisten der Prüflinge, die durchgekommen waren auf einer Tafel hingen und die Namen der Durchgefallenen auf einer anderen. Jene, die bestätigt waren, gingen in die mündliche Prüfung, die Unbestätigten waren durchgefallen. Ich war so sicher, dass ich direkt in die mündliche Prüfung ging. Ich wollte schon ein Prüfungsblatt mit den Fragen ziehen als mir der Prüfungsleiter sagte, dass ich nicht auf der Liste stünde. Ich antwortete, dass dies nicht möglich sei, es müsse ein Missverständnis vorliegen. „Nein, nein“, sagte er und schaute in der Liste der Durchgefallenen. Da fand ich mich mit der Note „zwei“. Das entspricht der Note „fünf“ in Deutschland. „Entschuldigung“, sagte er, „Sie sind durchgefallen und damit nicht zur mündlichen Prüfung zugelassen. Ich bedauere, aber so ist das Schicksal. Sie sollten sich besser vorbereiten und fleißiger sein“. „Das kann nicht sein. Was kann ich tun?“, fragte ich. „Sie können sich bei der Prüfungskommission beschweren.“, antwortete er, „Dort kann man Ihnen Ihre Arbeit aushändigen, dann sehen Sie, welche Fehler Sie gemacht haben.“ Ich bin zur Prüfungskommission gegangen und beschwerte mich. Man schaute in einer Liste nach und bestätigte mir grinsend „Nein, nein, Ihre Leistung war ungenügend, Sie können es im nächsten Jahr noch einmal probieren. Das Gegrinse hat mir schon nicht gefallen, dann verlangte ich meine Arbeit. „Ihre Arbeit? selbstverständlich stellen Sie einen Antrag auf Aushändigung. Dieser Antrag muss genehmigt werden.“ Ich stand eine Ewigkeit in der Schlange, bis ich den Antrag stellen konnte. Als ich endlich mit dem bewilligten Antrag zur Ausgabe ging, konnte man dort meine Arbeit nicht finden. Das Mädchen an der Ausgabe sagte, dass meine Arbeit vielleicht versehentlich verlegt wurde, sie sei nicht auffindbar. Mein Schicksal hing von dieser Arbeit ab! „Es ist unmöglich, Ihre Arbeit zu finden - schauen Sie, am Platz ist sie nicht und es ist nicht möglich, an einem Tag Tausende von Arbeiten zu überprüfen. Sie können sich bei dem Ministerium beschweren, wir können für Sie nichts tun. Wenn Sie sich bei dem Ministerium beschweren wollen, machen Sie sich auf einen schwierigen Weg gefasst. Wenn Sie gewinnen und die Arbeit positiv war, dann kann Ihnen diese Arbeit bei der Prüfung im nächsten Jahr angerechnet werden. Für dieses Jahr haben Sie in jedem Fall ausgespielt“. Da sagte ich „Das kann ich mich nicht leisten. Ich muss Student werden“, und bin zum Präsident der Prüfungskommission gegangen. Den erreichte ich problemlos und sagte, ich würde zu den höchsten Gremien des Ministeriums und der Partei gehen. Ich musste wissen, was dort mit mir passierte. „Wissen kann man es nur, wenn Ihre Arbeit gefunden wird“ sagte er. Dann verlangte ich, dass die Arbeit für mich gesucht würde. Da sagte er: „Wir haben kein Personal, alle sind beschäftigt.“ Ich sagte, ich würde die Arbeit selbst suchen. Er sagte: „O.K., da haben Sie vielleicht eine Chance.“ Er gab mir die Erlaubnis. So stand ich vor den Schränken und durchsuchte alle Arbeiten, eine nach der anderen. Ich hatte schon eineinhalb Schränke durchgesucht als die Mittagspause ausgerufen wurde. Während der Pause wird der Raum verschlossen und versiegelt. Ich musste also den Raum verlassen während die Prüfungskommission essen ging. Mir war nicht nach Essen. So saß ich einige Minuten auf der Bank im Flur, dann dachte ich, ich sollte mich etwas bewegen, spazieren gehen. Ich kaufte eine Flasche Wasser und trank sie vor der Physikalischen Fakultät. Ich sah ein Mädchen mit einer Stulle im Mund vorbeigehen, das als Aushilfe in der Prüfungskommission arbeitete, und wollte ihr Platz machen. Sie aber machte einen Schlenker und blieb hinter mir. Als sie endlich an mir vorbeiging sagte sie leise: „Sag keinem, dass Du es von mir weißt suche eine Weile unauffällig weiter und dann schaue unter oder hinter dem dritten Schrank.“ Das waren interessante Informationen, meine Hoffnung wuchs. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was dort passiert war. O.K. das war ein Hinweis und es konnte jetzt hart werden. Ich kaufte mir auch eine Stulle, trank mein Wasser aus und machte mich ans Weitersuchen. Ich hielt mich eine halbe Stunde lang mit dem zweiten Schrank auf, dann ging ich zum dritten Schrank und wollte nachsehen, ob das Mädchen die Wahrheit gesagt hatte. Als ich mich beugte, schrie der Vorsitzende der Prüfungskommission: „Dort haben Sie nichts zu suchen, es ist alles sauber bei uns!“ Ich nahm die mittlere Stange des Eisenschranks und schob ihn ein Stück nach vorn. Die anwesenden Mitglieder der Prüfungskommission sahen erstaunt zu und siehe da, aus der hinteren Wand des Schranks fiel ein Haufen Arbeiten heraus. „Das ist Ausschuss!“ schrie der Vorsitzende. „Nein, das werde ich jetzt durchsuchen.“ Niemand rührte sich. Ich nahm den Haufen es waren mehrere Dutzend Arbeiten. Ich begann, sie zu durchsuchen. Lewinsky, Rabinowich, Kogan, Heikin und, und, und. Jede Arbeit, die ich öffnete, wurde mit vier oder fünf benotet, was der deutschen Schulnote eins und zwei entsprach. Ich fand in diesem Haufen auch meine Arbeit. Die Arbeit war mit vier, also der zweitbesten Note bewertet und da sagte ich: „Das ist meine Arbeit. Darf ich jetzt meine Prüfung ablegen?“ „Ja, ja, können Sie noch.“ Nach dieser Strapaze, ging ich. Zuerst fragte ich, warum ich eine vier bekommen hatte. Es hätte eine fünf sein sollen. „Die Notenänderung können Sie mit dem Prüfer oben besprechen. Er ist dafür zuständig.“ Ich musste also noch einmal in der Schlange warten, bis ich in die Prüfung kam. Der Prüfer erkannte mich. „Haben Sie die Arbeit gefunden?“, fragte er. „Ja, ich habe die Arbeit gefunden.“ „Seltenes Glück“, sagte er. „Ich beanstande die Note. Sie ist mir ungerechterweise erteilt worden. Die Arbeit ist makellos.“ „Makellos ist nur der Herrgott, den es nicht gibt“, sagte er. Es stellte sich heraus, dass ich im Beweis eines Theorems Bezug auf ein weiteres bekanntes Theorems genommen hatte. Der Bezug auf dieses bekannte Theorem, das sehr einfach ist, in zwei Zeilen beweisbar, wurde mir als ein Fehler angerechnet. Als ich protestierte, zeigte er mir ein Schulprogramm des Bildungsministeriums, wo eine Liste mit Theoremen nachzulesen war, die für Bezugszwecke zugelassen sind. Dieses Theorem, das ich benutzt hatte, war, obwohl sehr bekannt, nicht auf dieser Liste. Nach diesen Regeln musste ich dieses Theorem innerhalb meiner Lösung beweisen, egal wie simpel es war. O.K., mit der zweitbesten Note ging ich also in die mündliche Prüfung. Diese mündliche Prüfung dauerte 1,5 Stunden. Ich war einer der letzten, die den Raum verließen, da sagte der Prüfer mit Bewunderung in der Stimme „Nu i nacia!“. Auf deutsch „Was für eine Nation!“. Das war eine große Anerkennung. „Ich gebe Dir eine vier. Mach Dir und mir das Leben nicht so kompliziert. Wenn Du die beste Note haben willst, dann werden wir hier bis zum nächsten Winter sitzen müssen.“ Am Ende bekam ich also in Mathe die zweitbeste Note im Schriftlichen, die zweitbeste im Mündlichen und alle anderen Prüfungen absolvierte ich exzellent. Ich hatte es geschafft! Die anderen Namen, die ich in dem Haufen fand - Lewinsky, Heikin, Kogan - wurden auch aufgenommen. Entschuldige die vielen Details, aber nur so kann der Leser nachvollziehen, wie das System funktionierte.
In späteren Jahren wurde das sehr viel weiter verfeinert. Die Juden in meinem Jahrgang, das war 1961, waren in den Prüfungsgruppen noch mit Nicht-Juden gemischt. In späteren Jahren hat man aus den jüdischen Kindern separate Gruppen gebildet, die man dann rigoros durchfallen ließ. Aus diesen Gruppen blieb vielleicht einer oder keiner. Dort setzte man besonders scharfe, nationalbewusste Parteimitglieder als Prüfer ein. Der Bewerbungsprozess wurde später also noch komplizierter. Das System hatte auch gelernt.
Du konntest also studieren. Wie hieß Dein Magistertitel: Mathematiker, Physiker?
Ich habe das Studium als mathematischer und theoretischer Physiker absolviert. Natürlich nicht ganz ohne Abenteurer unterwegs.
Hast Du danach leicht Arbeit bekommen oder war das auch mit Problemen verbunden?
Nein, Arbeit habe ich danach sehr leicht gefunden. Studenten unterlagen einer Verteilung in diesem System.
Man brauchte also gar nicht nach Arbeit zu suchen.
Man unterlag einer Verteilungskommission. Es gab natürlich Bedarf an intellektuellen Arbeitskräften. Man durfte sich natürlich vorher bewerben, um eine Anforderung zu initiieren. Mir drohte selbstverständlich eine Versetzung an einen Ort am Arsch der Welt, irgendeine Provinz, in der Alkoholismus das Leben zerstörte. Das alles wollte ich nicht. Aber, ich hatte ein kleines Kind. Ich war verheiratet. Die sowjetische Gesetzgebung gewährte verheirateten Bürgern mit einem Kind unter drei Jahren ortsgebundenen Schutz. Vorsorglich versuchte ich mich bei den führenden Forschungsinstituten unterzubringen und fand glücklicherweise einen sehr guten Arbeitsplatz. Diese Arbeit hat mich gefordert wie ein zweites Studium, es war eine großartige Weiterbildung. Ich wurde wissenschaftlicher Referent des Direktors für Forschungsangelegenheiten im „GIREDMET Institut für Seltene Erden“. Mein Patron Nikolaj Petrowitsch Sazhin war im Grunde genommen die Bezugsperson, die mir die Möglichkeit gab, mich intellektuell weiter zu entwickeln.
Also einerseits die Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung auf Seiten der Administration und Partei, anderseits Leute, die offen und hilfsbereit waren.
Es gab keine Milderungsgesetze für Juden - das sowieso nicht, aber es gab immer Personen, die durch ihre Befugnisse oder Entscheidungsmacht Begabung oder menschliche Formate förderten. Auf solche Leute traf ich oft.
War es dieses Institut, an dem Du die Entdeckung gemacht hast? Kannst Du das näher beschreiben?
Diese RKM-Maschine hat mit Wankel nichts zu tun, auch nicht mit dem Drehkolbenmotor. Es ist eine echte Alternative. Das einzig gemeinsame ist der prismatische Aufbau, die Basisgeometrie hat damit gar nichts zu tun. Diese Erfindung habe ich im Jahre 1995 gemacht. Ich war damals schon zwanzig Jahre lang in Deutschland. Aber den Impuls, nach so etwas zu suchen, bekam ich auf Anraten meines Patrons Nikolaj Petrowitsch Sazhin. Ich will ein paar Worte zu seiner Person sagen. Er war schon damals kein junger Mann mehr. Er war 74 Jahre alt als ich sein Referent wurde. Folgende Aufgabe gab er mir: Ich sollte mich systematisch in wesentlichen Errungenschaften, Neuerungen auf allen Gebieten der Physik und der Mathematik einlesen, zur Kenntnis nehmen, verstehen, für mich aufnehmen und kompetent genug darin werden, um aus alldem eine Aufbereitung des intellektuellen Guts für ihn zu erstellen, welche ich ihm innerhalb eines halben Tages einmal pro Woche verständlich nahe bringen sollte. Eine Zusammenfassung sozusagen, damit er nicht alles nachlesen musste, sondern aus meinem Munde erführe und zwar so, dass er damit arbeiten konnte. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaft der Sowjetunion und musste als Nicht-Fachmann in der Lage sein, eine Diskussion über diese Dinge führen zu können. Es war meine Aufgabe, ihm dieses Wissen zu vermitteln.
Eine sehr schöne Aufgabe, nicht wahr?
Ich bin ihm außerordentlich dankbar. Ich war 1,5 Jahre lang sein Referent und konnte mich tüchtig bilden in allem was einigermaßen intellektuell in der Physik und Mathematik wichtig war. Er war mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Ich glaube, ich war kein schlechter Lehrer, aber mein dankbarster Schüler war ein alter Mann und bald verstarb er. Eigentlich wurde er umgebracht. In meinen Augen war es Mord. Aber das ist eine andere Geschichte, davon wie ein Mitglied der Wissenschaft umgebracht wurde.
Auf Befehl?
Ich bin sicher, dass es auf Befehl geschah. Es hieß, dass er aus dem Fenster seiner Wohnung im dritten Stock gesprungen war. Ich hatte an diesem Tag einen Termin mit ihm bei ihm zu Hause und offenbar war es wenige Minuten zuvor geschehen. Ich sah ihn vor der Palisade unter seinem Fenster liegen. Es gab allerdings ein winziges Problem bei der Geschichte. Er lag auf dem Rücken, mit den Füssen zum Gebäude. Wäre er selbst gesprungen, wäre er auf dem Bauch gelandet er muss gestoßen worden sein.
Gab es keine polizeiliche Untersuchung in diesem Fall?
Doch, es gab eine Erklärung. Angeblich schlief seine Frau, die 20 Jahre jünger war als er, mit dem Chauffeur. Er sei eifersüchtig gewesen, ist durchgedreht und hat sich umgebracht. Als ich zu ihm kam und ihn so liegen sah, kehrte ich um und ging.
Hast Du nicht die Polizei gerufen?
Um Gottes willen. Ich trug ein Brief bei mir von einem anderen Mitglied der Akademie der Wissenschaft, Andrej Sacharow. Sagt Dir der Name etwas?
Ja. Kanntest Du den Inhalt des Briefes?
Ich kannte den Inhalt, obgleich ich ihn nicht gelesen hatte. Ich habe den Brief vernichtet.
Was stand in dem Brief?
Konkretes weiß ich nicht. Ich weiß, dass Sazhin überlegte, die Position von Sacharow in dieser Zeit zu unterstützen und sich anzuschliessen. Dann würden sich nicht mehr nur einer, sondern zwei Mitglieder der Akademie der Wissenschaft für Menschenrechte einsetzen. Er wollte ihn unterstützen, ganz öffentlich. Und ich weiß, dass Sazhin sich mental in diese Richtung bewegte. Jeder anständige Mensch war auf Sacharows Seite, nur wer konnte es sich leisten, dies öffentlich zu zeigen? Ich vermute lediglich, kann nichts beweisen. Ich vermute, dass das totalitäre Kontrollsystem durch Abhören und Bespitzeln herausfand, dass Sazhin sich zu diesem Zeitpunkt schon entschieden hatte, und dass er vorsorglich umgebracht wurde. Deswegen ging ich nicht zur Polizei. Ich gestehe, dass ich nach Sazhins Tod nichts bewegte, mich nicht an die Öffentlichkeit wandte. Ich wusste nichts Definitives. Es ist bloß mein Verständnis der Lage. Wie er so dalag, dass seine Position falsch war, weist meiner Meinung nach auf Mord hin. Er war ein großer Mensch, dicklich noch unberührt als ich ihn fand. Aber die Polizei war schon da und sperrte den Vorgarten ab.
Warst Du die erste Person, die ihn so sah?
Nein, die Polizei war schon da und er wurde fotografiert.
Hat sich danach etwas für Dich geändert?
Natürlich, meine Arbeit wurde plötzlich unnötig.
Wurdest Du gefeuert?
Von diesem Institut? Nein, ich konnte nicht gefeuert werden weil ich einen festen Arbeitsplatz hatte. Man konnte Angestellte nicht so einfach feuern. Sazhin war im Institut sehr beliebt und es gab dort keine direkten antisemitischen Probleme. Die Belegschaft und mein direkter Vorgesetzter waren sehr anständige Leute. Ich habe sie gemocht und sie haben viel Verständnis für meine Lage aufgebracht. Ich kann nur meine Dankbarkeit und Lob für sie aussprechen, für Igor’ Matvejev, Ljudmila Tschupjatova, Dr. Iglitsyn. Das waren normale, gute, menschliche Beziehungen. Es war eine sehr gute Zeit für mich, aber dies war ein experimentelles Forschungsinstitut und in diesem Institut sah man keine Verwendung für einen theoretischen Physiker. Ich lebte noch ein halbes Jahr lang so weiter, dann forderte mich die neue Leitung des Instituts auf, mich nützlich zu machen. Ich wollte mich nützlich machen, wusste aber nicht wie. Mein Gebietsthema war Superleitungstheorie. Für technische Anwendung ist die Temperatur der Superleitungsgang sehr wichtig. Zu meiner Zeit war die höchst erreichte Temperatur vom Metallsuperleiter ca. 18° Kelvin. Das entspricht etwa -254° Celsius. Man konnte dies technisch noch nicht anwenden. Da wurde mir die Aufgabe gestellt, durch theoretische Untersuchungen die Temperatur des superleitenden Übergangs zu erhöhen und zwar planmäßig um einen halbes Grad pro Jahr. Eine völlig unlösbare Aufgabe natürlich! Als ich protestierte, dass es unmöglich war, mußte ich eine Ingenieurs- und Laborantenarbeit leisten, die mit meiner Ausbildung, meinen Fähigkeiten nichts zu tun hatte. Ich machte meine Arbeit im Labor, vom Putzen bis Experimentüberwachung versuchte ich, mich nützlich zu machen. Meine Kollegen schätzten das und verstanden das Missverhältnis, in dem ich mich befand. Ich suchte anderweitig nach Arbeit und fand letztlich eine Anstellung im Akademischen Institut für Physik der Erde, wo ich mich als Theoretiker mit der cirkumirdischen Magnetosphäre beschäftigte und hatte so die Möglichkeit, mich als Wissenschaftler weiterzuentwickeln. Es hatte sein Gutes, aber im Zentrum steht immer noch das unvergeßliche Erlebnis, wie mein Chef im Gras lag.
Wenn ich mir das so anhöre, scheint mir Deine Karriere sehr widersprüchlich verlaufen zu sein. Einerseits warst Du mit großen Schwierigkeiten bei der Aufnahmeprüfung an der Universität konfrontiert, anderseits hattest Du ausgezeichnete Möglichkeiten, Dich mit Deiner Arbeit im Institut als Wissenschaftler zu entwickeln. Dann wiederum die Ermordung Deines Chefs von Sicherheitsleuten und die ständige Verletzung von Menschenrechten. Das Niveau, welches die Wissenschaftler in der Sowjetunion erreichten ist allgemein bekannt: der erste Mensch im All Jurij Gagarin, Entwicklung der Atombombe, etc.
Die Atombombe wurde geklaut. Die thermonukleare Bombe wurde tatsächlich zuerst in der Sowjetunion kreiert und das erfordert außerordentliches wissenschaftliches Potential, vor allem geistiges Potential natürlich.
Wie ist das zu vereinbaren? Einerseits der ständige Druck der kommunistischen Partei: „Wir müssen die Besten sein, der restlichen Welt zeigen, wie mächtig wir sind“. Anderseits, denke ich, alle Entdeckungen erfordern freies Denken, ein dafür geeignetes Klima - ein Klima der Freiheit.
Natürlich. Eine großartige und effiziente intellektuelle Leistung kann nicht in einem verengten Rahmen geschehen. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es ist nicht die Leistung der Sowjetunion und nicht die Leistung der sowjetischen politischen und wirtschaftlichen Theoretiker. Diese geistige Atmosphäre ist erschaffen von Menschen, die in der Sowjetunion lebten, litten und davon profitierten. Ich glaube, dass es die Errungenschaft privater Menschen war, intellektueller Menschen. Es führt zu der Idee von Wissenschaftlern zurück, dass wir nur mit der Schaffung einer Bildungselite in der Lage sein können konkurrenzfähig zu sein, und nur so können wir Mensch sein. Das sind in allererster Linie Kolmogorow….
Telefon Unterbrechung.
Du hast von dieser geistigen Atmosphäre gesprochen.
Diese geistige Atmosphäre in meiner Zeit entstand durch das Bemühen vieler Wissenschaftler wie Kolmogorow, wie Delone, wie Nikolaj Konstantinow, wie Krylow, die ich alle persönlich kannte. Auch der Lew Landau, auch Ilja Lifshic, selbst Kurczatow, der abgeschirmt lebte aber dennoch Einfluss darauf nahm, eine geistige Bildungsatmosphäre zu erschaffen. Eliteschulen, Eliteklassen wurden eingerichtet, um die Möglichkeit zu schaffen, hochkarätige und qualifizierte Wissenschaftler zu fördern. Auf diese Art und Weise entstanden physikalische und mathematische Schulen. Als ich selbst Schüler war besuchte ich mathematische Arbeitskreise, die an der Akademie der Wissenschaft organisiert wurden. Ich besuchte Arbeitskreise für Physik am Physikalischen Technischen Institut. Ich war in den privaten Arbeitskreisen der Schüler und nahm teil an den Olympiaden, also geistigen Wettbewerben. Sie fingen damals gerade an, sich zu etablieren. Das waren die ersten Initiativen. Als Student später und bis alle Tage tue ich alles, was ich kann, um diese Art von Bildung zu fördern. Auch die jüdische Gemeinde zu Berlin hat solche Arbeitskreise, wo die hochkarätigen Wissenschaftler mit Schülern einfachster Art arbeiten. Das sind die geistigen Impulse, die gegeben werden. Ich weiß, dass auch Mstislaw Rostopowitz, Jewginij Swietlanow und Mrawinsky als Musiker die musikalische Elite anführen. David und Igor Oystrach bemühen sich sehr um die Entwicklung der musikalischen Elite. Ich war mit Stanislaw Gustawowicz Neuhaus, mit dem großartigen Musiker, Pianisten und Pädagogen bekannt. Auch die Schauspielerkreise fördern den talentierten Nachwuchs, wie z. B. Wladimir Obrazcow mit dem berühmten Obrazcow Puppentheater und Maja Plisetskaja. In allen Gebieten der geistigen Tätigkeit haben sich die Besten immer um die Weiterbildung und Ausprägung der Bildungselite bemüht. Das lief oft unter großen Widerständen der sowjetischen Administration und wurde dann mit viel Mühe und viel Diplomatie durchgesetzt. Leider sind diese Bemühungen jetzt mit der postsowjetischen Regierung nahezu zerstört und zunichte gemacht. Nahezu flächendeckend. Diese geistige Atmosphäre ist jetzt in große Leidenschaft geraten. Das bedauere ich sehr. Die Bildungsatmosphäre und -leistung darin besteht die echte Zukunftsarbeit eines jeden Volkes, auch die der Russen heute. So sollte es sein! Ich war beteiligt an der Bildung dieser Bildungsatmosphäre und ich war natürlich ihr Profiteur. Das ist wirklich das Wichtigste, was man für die Zukunft machen kann. Dass man an solche Initiativen herankommt, dass man sie zulässt und auch unterstützt.
In Deiner Biografie habe ich gelesen, dass Du Publikationsverbot bekommen hast und dass Du eine zeitlang mehrere Berufe ausüben musstest: Buchbinder, Matrose, Offsetdrucker, Landarbeiter. Wie kam es dazu?
Das war eine Art Eigendynamik; ich bin dem Druck oder der Anforderung der Sowjetadministration nicht gefolgt. Dieser Konflikt geht ins Jahr 1969 zurück. Das war Brezhnew Zeit. Nach der Chruszczow Ära, die ausgesprochen turbulent war und nicht umsonst Tauzeit genannt wurde, auch wenn sie eine ganz eigene Härte hatte. Unter Chruszczow fand die Rehabilitierung von Millionen von Verfolgten statt. Diese Bildung von Arbeitskreisen und die geistige Bildungsatmosphäre entwickelten sich in Chruszczows Zeit. In der Zeit von Brezniew gab es eine sehr deutliche Rückführung in Richtung des totalitären Staates. Im Jahre 1969 fand nach einer langen, langen Pause wieder ein politischer Showprozess statt (politiczeskij pokazatielnyj prozess). Das war nicht der Ausdruck der Oppositionsseite, sondern der offiziellen Presse. Die Opfer dieses Prozesses waren zwei völlig verschiedene Menschen - der Schriftsteller Aleksander Ginzburg und der junge rüpelhafte Dichter Aleksander Galanskow. Ginzburg war ein sehr solider, erfahrener, kulturträchtiger Mensch und er hatte das so genannte „Weiße Buch“ verfasst. In diesem Buch hatte er Fakten, Berichte und Belege über die unzähligen Verletzungen der sowjetischen Gesetzgebung durch die sowjetischen Behörden gesammelt wie die Exekutive der Sowjetmacht ihre eigene Gesetzgebung verletzt und mit Füssen tritt. Im Grunde genommen schaffte das große „Weiße Buch“ Ginzburgs ein Dokument, in dem das sowjetische System die Möglichkeit hatte, sich selbst zu reinigen, zu perfektionieren und ihren eigenen Idealen zu entsprechen. Nun, statt Ginzburg Dank zu sagen, hat das System ihn als Denunziant verfolgt, und zwar sehr brutal. Aleksander Galanskow war ein 17/18 jähriger Dichter, der freche Zeilen reimte. Was er schrieb, waren Karikaturen seiner Zeit. Ich denke, dass jede normale Gesellschaft so etwas tolerieren und fördern sollte. Politische Bedeutung hatte es nicht. Das war ein Vorwand. Die beiden wurden als „Antisowjetschiks“ in einen Prozess gesteckt - ein Absurdum, allein die Zusammenlegung der beiden Angeklagten. Das geschah nicht, weil die sowjetischen Beamten dumm waren - keineswegs! Der Sinn von Showprozessen ist die Erziehung zum Gehorsam! Es geht um Bedrohung und Einschüchterung der Bevölkerung. Der Prozess fand natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, lediglich bestimmte Journalisten, die nur im Sinne der Anklage berichten durften, waren zugelassen. Nach der Chruszczowzeit gab es in der Sowjetunion viele Menschen, die das nicht so einfach hinnehmen wollten. Vor dem Gerichtsgebäude tummelte sich eine Gruppe von Leuten, die nicht damit einverstanden waren, bzw. die in den Gerichtssaal eindringen wollten, um Zeuge zu sein. Unter ihnen war mein Diplomvater, später Doktorvater Prof. Jewgenij Aleksandrowicz Shapowal. Er war ein mutiger, politischer Mensch; ein Bürger im besten Sinne und ein sehr guter Wissenschaftler. Ich muss ein paar Worte über sein früheres Schicksal sagen. Er selbst ist ein Opfer des Stalinregimes gewesen. Shapowal war einer der begabtesten Schüler des berühmten Physikers Lew Landau. Als junger Mensch stand er vor der Physikalischen Fakultät - es war vielleicht im Jahr 1949 oder 1952, ich weiß nicht mehr genau - jedenfalls lebte Stalin noch. Arbeiter bereiteten die Fassade der Fakultät für eine Staatsfeier vor und hängten riesige Porträts von Stalin und Lenin an das Gebäude. Die Physikalische Fakultät hat sechs Stockwerke und die Decken sind alles andere als niedrig. Die Porträts verdeckten das ganze Gebäude! Das war keine einfache technische Aufgabe, sie dort anzubringen. Lenins Porträt hing schon, Arbeiter hievten das Stalinporträt hoch. Auf einmal rutschte das Stalinporträt auf der rechten Seite herunter. Der junge Witzbold Shapowal, der damals in der gaffender Menge stand, sagte halb laut „man sollte ihn an den Hoden hochziehen, erst dann wird es richtig hängen!“. Das hatte jemand in der Menge gehört, woraufhin Shapoval denunziert und verhaftet wurde. Statt ins KZ steckte man ihn in eine psychiatrische Gefängnisanstalt und machte aus ihm ein Spezial Projekt für ideologische Umerziehung durch Psychopharmaka. Damals gab es in China und der Sowjetunion ein gemeinsames Projekt für pharmakologisch unterstützte Umerziehungsmaßnahmen. Das was man heute unter Gehirnwäsche versteht. Der arme Shapowal war vier Jahre lang in dieser psychiatrischen Anstalt, eines der vielen Versuchskaninchen der sowjetischen Gehirnwäsche. Mit dem Tod Stalins endeten die Experimente. Erst mit der Rehabilitierung 1956 wurde er entlassen man hatte ihn dort kaputtgemacht. Er wird für den Rest seines Lebens unter den Folgen leiden. Ich habe ihn seit Jahrzehnten nicht gesehen, weiß aber, dass er hoch qualifizierte psychiatrische Hilfe benötigte, um die einfachsten Dinge zu tun, zu leben, zu arbeiten. Und ich kann bezeugen, dass er ein außerordentlich begabter, anständiger und würdevoller Mensch ist. Professor Jewgenij Shapoval hielt in dieser Menge vor dem Gerichtsgebäude ein DIN A4 Blatt in den Händen, auf dem handgeschrieben stand „Ich, Jewgenij Shapowal, Professor der Moskauer Universität, protestiere hiermit gegen die neu angeschwemmte Welle von Showprozessen“. In dieser Menge befanden sich auch viele Spitzel, die so genannten „Druzhynniki“, Polizisten und KGBler in Zivil und so wurde er innerhalb weniger Sekunden verhaftet und war wieder dran. Diesmal für sein politisches Gewissen. Einige Wochen später rief die Administration der Physikalischen Fakultät mich und ein paar andere Personen zu einem Gespräch. Wir wurden in ein Arbeitszimmer des Parteikomitees der Fakultät geführt. Wir bekamen ein Blatt, auf dem sich vorgetippte, vorformulierte Zeugenaussagen befanden, laut derer Shapoval unter anderem antisowjetische Propaganda geführt und staatsfeindliche Aussagen gemacht hätte neben den Versuchen, uns zu staatsfeindlichen Aktionen anzustiften. Mein Verbrechen bestand darin, dass ich dieses Papier nicht unterzeichnet habe. Es war ein langes Gespräch, ein regelrechtes Verhör. Meine Studienkollegen haben einer nach dem anderen unterschrieben und waren damit entlassen. Ich blieb alleine zurück und bekam weitere Drohungen. So geriet ich selbst in diese Mühle hinein.
Welche Konsequenzen hatte das für Dich?
Man muss wissen, dass es in der Sowjetunion ein Gesetz gab für das Schmarotzertum. Das berühmteste Opfer dieses Gesetzes war der spätere Nobelpreisträger Joseph Brodski. Er verdiente sein Brot mit der Übersetzung von Lyrik, war aber keinem der Arbeitkollektive angehörig, weswegen er auch kein Arbeitsbuch besaß und so des gesellschaftlichen Schmarotzertums beschuldigt wurde. Nach dem Prozess wurde Brodski in die Verbannung geschickt.
Er konnte nicht publizieren.
Nicht nur das. Er wurde verhaftet, schikaniert. Es galt als kriminelles Delikt, keinem Arbeitskollektiv anzugehören. Vom KGB wurde mein Dossier zu meinem jeweiligen Arbeitgeber gesandt und ich wurde entlassen. Wenige Tage später kam ein bezirksbeauftragter Polizist zu mir nach Hause und gab mir eine Belehrung, die ich gegenquittieren musste. In der Belehrung stand, dass ich als Nicht-Arbeitender des gesellschaftlichen Schmarotzertums verdächtigt würde, und dass ich verpflichtet sei, binnen 30 Tagen eine Arbeit zu finden. Wenn ich das nicht täte, machte ich mich des gesellschaftlichen Schmarotzertums schuldig mit den bekannten Konsequenzen. Daraufhin nahm ich jede Arbeit an, die ich bekommen konnte.
Du hast vorhin etwas erwähnt, was man hier gar nicht kennt: ein Arbeitsbuch. Musste jeder so etwas haben?
Ja, mit allen Einträgen: Eintreten, Abtreten usw. Die Berufe, die Du aufgezählt hast, habe ich nur über einen sehr kurzen Zeitraum ausgeübt. Vor allem war ich Wissenschaftler, Literat und Lehrer. Ich war einer der erfolgreichsten Privatlehrer Moskaus.
Konntest Du davon leben?
Natürlich konnte ich davon leben. Ich war einer der besten Trainer für Abiturienten, insbesondere für Minderheiten. Ich hatte einen Ruf. Meine jüdischen, georgischen, tatarischen und armenischen Schüler hatten sehr harte Aufnahmeprüfung zu durchlaufen, die meisten absolvierten sie mit Erfolg. Ich kannte den Prozess, wusste was dort geschah.
Hast Du sie für die Prüfung in Mathematik und Physik vorbereitet?
Hauptsächlich in Physik, oder in Mathematik und Physik, die eng miteinander verbunden waren. Ich lehrte die Schüler zu denken. Es war ein mentales Training, das ich mit ihnen absolvierte. Ich brachte meinen Schülern bei, sich selbst zu prüfen, ob sie sachlich richtig lagen und wenn ja, ihren Standpunkt zu verteidigen.
Das, was Du selbst auch erlebt hast.
Diese Erfahrung habe ich weiterentwickelt. Dann diese anderen Berufe. Ich wusste nicht wohin, nur dass ich einen Stempel in meinem Arbeitsbuch vorzuweisen hatte. Mit dem Stempel im Arbeitsbuch konnte ich mich schützen gegen ihre Maßnamen und vor der Verhaftung wegen gesellschaftlichen Schmarotzertums.
Gab es nicht so etwas wie das Arbeitsamt, Sozialamt oder Arbeitslosengeld?
So etwas gab es nicht. Dafür gab es Recht und gleichzeitig Pflicht zur Arbeit. Ein konkretes Beispiel: In einer kleinen Ortschaft namens Tischkowo bei Moskau gab es eine Anlegestelle für Fähren. Dort haben sie mich genommen. Ich wurde Matrose auf dieser Anlegestelle. Gleichzeitig säuberte ich die umliegenden Territorien als Kehrmann. Acht Stunden pro Tag musste ich arbeiten.
Wahrscheinlich auch gegen schlechte Bezahlung.
Verdammt schlechte Bezahlung. Man konnte davon nicht leben, vor allem weil ich Bücher kaufen und Konzerte besuchen wollte.
Du hattest auch eine Familie zu ernähren.
Das auch, selbstverständlich. Der Punkt war der, dass dieses Schiffchen dreimal am Tag fuhr. Zwischendurch las ich und arbeitete als Kehrmann.
Also hattest Du auch Zeit für Dich.
Ja, aber nicht sehr bequem. Dazu musste ich noch zweimal die Woche das Territorium pflegen Der Konflikt mit meinen Vorgesetzten wuchs langsam, aber stetig, weil ich keinen Alkohol trank. Als Zeichen meiner Loyalität sollte ich saufen. Das tat ich nicht und setzte mich durch. Das machte mich verdächtig. Erstens war ich ein Intellektueller, zweitens trank ich keinen Wodka mit. Zum Ausbruch dieses Konflikts kam es Gott sei Dank nicht. Drei Monate später kam ein Dossier, aus dem folgte, dass ich so oder so unerwünscht war. Weil die Probezeit sechs Monate betrug, durfte man mich in dieser Zeit ohne Begründung entlassen. Wenige Tage später kam ein Polizist, grinste und sagte: „Na wieder arbeitslos, wieder Belehrung?“ Das wiederholte sich ein paar Mal. Binnen eines Monats musste ich Arbeit finden und ich wusste, sie passten sehr genau auf ein Fehler und ich würde das Schicksal von Brodski teilen. So kam es zu meinen vielen Berufen. Bei jeder Organisation, bei jedem Arbeitgeber in der Sowjetunion gab es die sogenannte „erste Abteilung“ und auch die Personalabteilung. Diese zwei Abteilungen arbeiteten eng zusammen, waren aber nicht identisch. Die erste Abteilung wurde durch die Staatskontrolle zentral verwaltet. Das war die Schnittstelle zwischen der exekutiven Kontrollmacht, dem KGB, MWD usw. und dem angestellten Arbeiter. Die Personalabteilung meldete die neu Angestellten der ersten Abteilung.
Die erste Abteilung meldete sie weiter an das Zentralregister, welches die Daten des Arbeiters überprüften und Anweisung gaben, eine Person, die als non grata eingestuft wurde, zu entlassen. Dies geschah in einem Viermonats-Zyklus. Drei Monate lang arbeitete ich, drei Wochen lang suchte ich nach Arbeit. Ich erinnere mich an eine sehr mutige Frau aus dieser Zeit. Jekaterina Dmitriewna Charlampijewa war Direktorin der Schule Nr. 179 in Moskau. In dieser Schule wollte Nikolaj Konstantinow, der berühmte Mathematiker und Pädagoge im Rahmen des Bildungssystem eine mathematisch-physikalische Klasse etablieren. Er überzeugte Jekaterina Dmitriewna, auch in ihrer Schule die Kinder ihren Begabungen entsprechend zu fördern, und zwar nicht nur die hervorragenden Talente, sondern auch die einfachen Klassen. Sie stellte mich als Physiklehrer für diese Klassen ein. Konstantinow hatte mich empfohlen. Ich hatte eine brillante Reputation als Physiker und als Lehrer und ich weiß, dass ich diese Aufgabe wirklich bewältigt habe. Ich hatte drei Jahre lang eine achte, neunte und zehnte Klasse geführt mit nicht speziell ausgesuchten Schülern. Von 28 Schülern, die ihr Reifezeugnis von dieser Schule bekamen, sind 24 heute Hochschulabsolventen und zirka die Hälfte hat promoviert oder habilitiert. Dieses Projekt haben wir mehrmals wiederholt. Die Erfahrung zeigte, dass nicht die Begabung an sich eine Rolle spielte, sondern die Lern- und Denkkultur und diese konnten wir vermitteln. Die Schuldirektorin hatte mich eingestellt und als die Schule die Aufforderung bekam, mich zu entlassen, weigerte sie sich strikt. Sie zeigte mir die Aufforderung und zerriss sie vor meinen Augen. Ich fragte sie, wie sie ein solches Papier einfach zerreißen konnte. Sie sagte, „ganz einfach, das ist die Praxis der sowjetischen Administration. Im Bildungsgesetz und in den administrativen Statuten gibt es keinen Platz für solche Verfahren. Ich muss Sie nicht entlassen, wenn das Papier kommt, Herr Schapiro. Mehr noch, dieses Papier existiert offiziell nicht. Ich sage, ich habe das Papier nicht bekommen, weil es nicht der sowjetischen Gesetzgebung entspricht.“
Hat man sie dafür nicht bestraft?
Nein. Sie hat das durchgestanden. Es ist noch ein Beispiel, in dem jemand Zivilcourage und Mut bewies. Selbstverständlich war es ein Risiko für sie sie ist es dennoch eingegangen. Ich blieb ein Lehrer und der KGB konnte mich nicht wegen gesellschaftlichen Schmarotzertums belangen. Damit war ich vor einer Verhaftung geschützt. Siehst Du, wie fein, wie brillant und ausgeklügelt organisiert dieses Verfolgungssystem war? Publizieren jedoch durfte ich nicht.
Waren das wissenschaftliche Publikationen?
Sowohl als auch, wissenschaftliche und literarische.
In Deutschland kennen wir den Begriff „Zumutbare Arbeit“. Sie schützt Menschen mit hoher Ausbildung davor, Arbeiten wie die der Bauarbeiter oder Straßenfeger ausüben zu müssen. Solche Probleme gab es in der Sowjetunion nicht, oder?
Nein, solche Probleme gab es nicht.
Empfandest Du es als Demütigung, solche Arbeiten aufzunehmen?
Selbstverständlich. Das machte aus mir jedoch keinen Freund des sowjetischen Systems.
Wann hast du Dich entschieden, die Sowjetunion zu verlassen?
Ich habe mich im Jahre 1972 entschieden, die Sowjetunion zu verlassen. Der Anlass war, dass mein Führungsoffizier vom KGB mich in einer Besprechung angriff. Er sagte, dass die Zeiten sich geändert hätten in der Sowjetunion und dass man einen solchen Slabak (also Nasenrotz) wie mich vor zwanzig Jahren problemlos eliminiert oder gestreckt hätte. Jetzt ginge das so einfach nicht und deswegen wäre es besser für alle, wenn ich das Land verließe. „Ihr Juden habt jetzt die Möglichkeit nach Israel zu gehen, also besorge Dir eine Einladung dorthin und wir werden Dir keine Schwierigkeiten machen. Wenn Du das nicht tust, werden wir uns mit Dir ernsthaft beschäftigen müssen. Wir schicken Dich nach Osten, wenn Du nicht selbst in den Westen gehst.“
Warst Du eine Bedrohung für das sowjetische System?
Ich nehme an, dass das System mich als solchen empfand. Ich selbst empfand mich nicht als Bedrohung. Ich habe weder Konflikte noch Dissidententum gesucht. Ich war ein relativ apolitischer Mensch, meine ich. Ich wollte z. B. diese Zeugenaussage gegen Shapowal unterschreiben, weil sie mich wirklich eingeschüchtert haben. Sie sagten: „Ja, Deine wissenschaftliche Karriere... Du liebst doch Deine Eltern, oder? Es kann jederzeit etwas mit ihnen passieren. Oder Deine Tochter. Du hast doch ein ganz kleines süßes Kindchen. Stell Dir vor, auf einmal rollt ein Lastwagen direkt über ihr Köpfchen. Und niemand ist Schuld! Aber Du hättest es besser gewusst. Also, die Sicherheit Deiner Familie liegt ganz in Deiner Hand. Für Dich ändert sich doch nichts, ob Du nun unterschreibst oder nicht. Es ist sowieso schon entschieden.“, sagte er. Übrigens, viel später erfuhr ich, dass alles von meiner Unterschrift abhängt. Wenn ich das unterschrieben hätte, wäre Shapowal das nächste Opfer im Showprozess gewesen. Weil ich nicht unterschrieben hatte, war ich der Zeuge an seiner Seite.
Du sagtest, es hätten schon mehrere unterschrieben.
Aber ich wäre ein Zeuge auf seiner Seite gewesen. Dann müsste man mich auch verklagen irgendwie, aber dazu hatte man keinen Anlass. Das war eine Abwägung von „Möglichkeiten und Sinn“, nehme ich an. Ich fantasiere nur. Ich kann es nicht genau wissen. Ich sehe ganz klar aus meiner späteren Analyse Shapowal als nächstes Opfer. Der KGB ging sehr brutal mit ihm um. Sein Sohn wurde in seinem Hauseingang umgebracht. Seine Frau starb vor Kummer. Er selbst durfte nirgendwo arbeiten, wurde überall entlassen. Dann hatte ihm der KGB Arbeit in einem ihrer geschlossenen Forschungsinstitute angeboten. Eine Erniedrigung, die er akzeptieren musste um zu überleben. Er ist ein absolut heroischer Mensch. Sein Schicksal ist für die Sowjetunion charakteristisch. Er ist ein großartiger Mensch. Welche Bedrohung stellte ich für die Sowjetunion dar? Ich war unbequem und nicht gehorsam und damit unvorhersehbar. Das ist aber auch nur meine Spekulation. In jedem Fall nehme ich an, dass der KGB zu dieser Zeit das Arbeitspensum nicht mehr bewältigen konnte. Die 70er Jahre, in denen die Apologien jüdischer Auswanderungsbewegungen forciert wurden, all die Unruhen in den sowjetischen Randrepubliken. Ich nehme an, dass sie versuchten, gerade diese Unwichtigen aus dem Feld zu räumen mit ihren billigen Methoden. So bat ich jemanden, mir aus Israel eine Einladung von fiktiven Verwandten zu senden. Man durfte nur zu den Verwandten fahren. Die Sowjetunion hat offensichtlich diese Verwandtschaft auf dem Papier toleriert. Man musste das nicht beweisen. Eine solche Einladung bekam ich auch. Ich wollte nach Israel emigrieren, obwohl das endgültige Ziel noch nicht ganz klar war. Ich musste auf jeden Fall raus, Gründe hatte ich genug.
Bist Du zusammen mit Deiner Familie ausgewandert?
Nein. Aufgrund eines privaten Ereignisses entschied ich mich, meine Ausreise eine Weile zu verschieben. Ich hatte mich verliebt. Meine Exfrau wollte nicht mitkommen. Sie hatte einen anderen Mann. Ich hatte mich unsterblich in ein junges Mädchen verliebt. Ich gab mir ein Jahr Zeit, um zu klären, ob sie mit mir ginge oder nicht. Es wurde nichts daraus. Das Ende war banal und traurig. Es war nichts zwischen uns. Offenbar war ich nicht der Richtige für ihre Empfangsorgane. Anderthalb Jahre später lernte ich meine jetzige Frau kennen. Sie war mittels eines wissenschaftlichen Austauschdienstes nach Moskau gekommen. Wir fanden bald unter sehr interessanten und nahezu mysteriösen Umständen zueinander. Schon bald darauf wurde sie schwanger und entschied sich mir die Schwangerschaft nicht zu verheimlichen. Für mich war eindeutig, dass ich ein Vater sein wollte, nicht bloß Samenspender, ich liebte diese Frau! Wir heirateten unter großem Widerstand der Behörden in Russland und unter noch größerem Widerstand setzte ich die Ausreise zu meiner Frau nach Deutschland durch. An dem Tag, an dem ich mein Visum in der Visaabteilung des Innenministeriums abholen sollte und mit der Benachrichtigungskarte auf dem Wege dorthin war, griffen mich mitten auf der Straße um zwei Uhr Mittags zwei kräftige Burschen von hinten an und einer flüsterte mir ins Ohr: „Na, nehmen wir Abschied Jüdlein?“. Man fand mich auf dem Bürgersteig bewusstlos, der Stein, den sie mir auf Kopf geschlagen hatten lag auf meiner Brust. Ich war ein halbes Jahr in Krankenhäusern, hatte Amnesie, lag lange in Koma. Sie hatten versucht, mich umzubringen, was ja Gott sei Dank nicht geklappt hat. Es war ein Wunder, dass ich überlebt habe. In Folge des Schlages war das Gleichgewichtssinn in meinem Gehirn zerstört, so dass ich nicht laufen konnte. Ich musste das Gehen von Anfang an neu erlernen. Es war eine sehr schwere Ausreise, weil mir nach dreimaliger Verlängerung des Visums die Visabehörde schrieb, dass ich entweder sofort ausreisen sollte oder einen ganz neuen Antrag stellen sollte. Ich wollte, egal in welchem Zustand, ausreisen. Ich hatte Angst, man würde mich erneut attackieren. So bin ich mit einem Krankenwagen zum Flughafen gefahren worden und meine Frau hat mich mit einem Krankenwagen vom Flughafen in Deutschland abgeholt. Sie pflegte mich gesund und wie Du siehst bin ich aktiv und munter und freue mich des Lebens.
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