Wie lange lebst du schon in Berlin?

Ich zähle das nicht mehr. Seit 1977.

Auf deiner Webseite habe ich gelesen, dass du zuerst in Ankara Germanistik studiert hast.

Ja.

Warst du damit fertig?

Ja.

Dann bist du nach Berlin gekommen. Wusstest du damals, dass du Malerei studieren möchtest?

Ja. Ich habe in der Türkei viel gezeichnet und gemalt. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung für die HdK bestanden. Anschließend bin ich hier geblieben. Zwischendurch überlegte ich in die Türkei zurück zu gehen und in Ankara an der Kunstakademie zu arbeiten aber ich wollte das dann nicht mehr. Irgendwie habe ich das Gefühl gehabt, dass das nicht das richtige war.

Warst du sicher, dass du von der Malerei leben kannst?

Wenn man ein Künstler ist, kann man nicht gleich davon leben. Aber das gehört dazu.

Hattest du das Gefühl, dass du hier in Berlin oder in Deutschland bessere Chancen hast?

Ich habe mich hier freier gefühlt. Wenn man Künstler oder Künstlerin ist, muss man dieses Gefühl haben. Das ist sehr wichtig. Das war das Entscheidende. Ich habe nicht daran gedacht, wo ich das Geld besser verdiene.

Warum hast du gedacht, dass du als Künstlerin schlechtere Chancen als hier hättest?

Das liegt an den gesellschaftlichen Strukturen. Ich hatte immer das Gefühl der Enge, die Erwartung der Gesellschaft von einer Frau. Ich wollte mit so etwas gar nichts zu tun haben.

Hast du dir schon Gedanken gemacht, was passieren würde, wenn du dich damals anders entschieden hättest?

Solche Fragen sind eigentlich überflüssig. Man weiß ja nie, wie das gewesen wäre, wenn ... Am Ende gibt es immer eine einzige Möglichkeit, letztendlich bleibt immer ein Weg oder eine Entscheidung übrig. Und man macht solche Entscheidungen ein oder zwei Mal im Leben. Das habe ich gemacht und bin dabei geblieben.

Was passierte danach? Du warst fertig mit deinem Studium an der HdK. Du hast auch ein Stipendium bekommen. Konntest du mit deiner Malerei leben?

Ja, teilweise.

Kennst du in Berlin viele türkische Künstlerinnen?

Ja. Es gibt einige

Vielleicht nur zu deinem Studium an der HdK. Wurdest du dort als Ausländerin, als Frau, anders behandelt als deine Kollegen?

Man stellt mir diese Frage sehr oft. Ich habe in meiner Umgebung keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Wir haben darüber schon ein bisschen gesprochen. Du hast erzählt, dass du dich hier nicht fremd fühlst, obwohl das nicht deine Heimat ist. Wie fühlst du dich hier?

Das ist ein langer Prozess. Zuerst ist man fremd. Man hat Sehnsucht. Nach der Türkei und nach den Menschen, nach dem Klima. Mit der Zeit ändert sich das natürlich. Man hat hier auch Beziehungen, Freunde und vor allem die Kunst.. Nach etwa zehn Jahren hat man keine Sehnsucht mehr aber dabei fehlt Etwas. Man fühlt sich in der Luft. Wozu gehöre ich eigentlich? Dann stellt man fest, dass man überall ein bisschen fremd geworden ist. Das kann man akzeptieren und gleichzeitig sogar als Freiheit empfinden. Spätestens wenn man Kinder hat, stellt man sich diese Frage nicht mehr so oft.

Dann hat man eine kleine Heimat zu Hause.

Die Familie ist natürlich sehr wichtig. Ich fühle mich grundsätzlich zu Hause, wo ich malen kann.

Könntest du überall malen?

Ich male auch in der Türkei. Dort habe ich auch ein Atelier. Ja. Das glaube ich schon, woanders. Durch die Kunst hat man seinen eigenen Freiraum. Den hat man dann überall.

Braucht ein Künstler nicht eine schöne oder freundliche Umgebung um sich herum?

Ich suche nicht ein bestimmtes Klima, um malen zu können, oder eine bestimmte Landschaft. Ich verreise auch sehr oft. Es gibt sehr viele schöne Ecken auf der Erde. Aber ich kann nicht sagen, dort würde ich besser malen als hier. Das Malen fängt erst mal in uns selber an. Direkt für die Malerei einen Ort zu suchen, das brauche ich nicht.

Was brauchst du? Was inspiriert dich? Wo findest du deine Themen? Wie entstehen deine Bilder?

Mich begeistern die Dinge um mich herum, Gesichter, Bewegungen, Stimmen, Situationen, Daseinszustände. Daraus entsteht eine Wahrnehmung von der Außen- und Innenwelt, die sich auf der Bildfläche miteinander verbinden. Das ist so eine Art Prozessmalerei, Dialogmalerei. Jeder malerische Schritt kommt von einem vorübergehenden malerischen Gedanken heraus. Dadurch entstehen Spannungsfelder, die will ich in einer fragmentarische Bildersprache sichtbar machen.

Skizzierst du vorher, bevor du ein Bild anfängst? Weiß du vorher, was du malen möchtest oder entsteht das während des Malens?

Ich gehe immer von einer Idee aus. Aber die Idee verflüchtigt sich dann ganz schnell. Die Farbe gibt mir ein Zeichen. So fängt das an. Farbe und Form kommen hier in verschiedene Art und Weise in Berührung. Die bewegen sich miteinander, gegeneinander, ändern sich gegenseitig und kommen schließlich am Inhalt zusammen. Die Farbe von Form und Form der Farbe sind zwei Stimmen. Durch die Zweistimmigkeit wird die Fläche begriffen, die Teile von Erkennbaren werden fassbar neben den Symbolen. Das ist für mich ein Prozess, der sich nie zu einer Eindeutigkeit verdichtet, dennoch einen konkreten Eindruck hinterlässt und sich wieder wandelt. Das Ergebnis dieses Malprozesses ist nicht die einzelne Aussage sondern, ein komplexes Geflecht von Eindrücken, Gedanken und Eingebungen.

Wie würdest du deine Malerei einordnen?

Ich brauche nicht meine Malerei einzuordnen. Das sollen andere tun.

Hat sich deine Malerei wesentlich verändert seit der Zeit als du die HdK verlassen hast?

Natürlich. Das ändert sich dauernd.

Du warst eine Meisterschülerin von Professor Marwan. War das deine Absicht bei ihm zu studieren? Wie sehr hat dich das beeinfluss?

Ich bin zu ihm gegangen, weil seine Bilder mich innerlich bewegt haben.
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Kannst du ein paar Künstler nennen, die für dich besonders wichtig waren oder sind?

Es gibt viele Künstler, die mir viel sagen. Wenn du aber nach einem Vorbild fragst, das kann ich nicht sagen. Es gibt immer wieder Bilder, die mich sehr beeindrucken. Z.B. die Bilder von Rembrand, Picasso, van Gogh. Ich kann dir von einem Erlebnis erzählen. In Venedig habe ich ein Bild von Bellini gesehen. Es war eine Madonna mit dem Kind. Es war so großartig gemalt. Man konnte kaum glauben, dass das Bild etwa 600 Jahre alt war. Oder die Bilder von Veronese waren auch so ein großartiges Erlebnis. Mit ihrer Farbigkeit und Frische.

Was sagst du z.B. zu konzeptueller Kunst? Ist das auch eine Kunst für dich?

Ja. Wenn eine Sache gelungen ist, gut gemacht ist, dann ist das in Ordnung. Natürlich gibt es auch Installationen, die sehr gut sind.

Malst du mit Ölfarben oder Acryl?

Hauptsächlich mit Öl.

Brauchst du Ruhe, Ausgeglichenheit, wenn du malst oder etwas was dich aufregt, wütend macht?

Schau dir das Bild an. Dieses Bild heißt Wut. Und ich wollte dieses Gefühl, dieses Daseinszustand darstellen. Nicht, dass ich wütend war. Ich habe daraus ein Bild gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch.