Aus welchem Grund bist Du nach Berlin gekommen?

Das war reiner Zufall. Ich wollte weg und hatte eine Liste von Städten, die ich besuchen wollte. Berlin war eine dieser Städte. Ich ging nach Westberlin, bekam ein Engagement als Musiker und bin geblieben. Das war 1987.

Was machst Du jetzt?

Ich bin Pianist, Sänger, Komponist.

Spielst Du in einer Band oder solo?

Ich spiele in verschiedenen Konstellationen. Es kommt ganz darauf an, wer mich gerade braucht. Ich habe meine eigene Gruppe, arbeite aber auch mit verschiedenen Gruppen in unterschiedlichsten Musikrichtungen, von Klassik bis Jazz und Blues.

Und welche Musik hörst Du gern?

Keine eigentlich. Im Oktober letzten Jahres habe ich im Haus der Kulturen der Welt gespielt, in einem Projekt namens „Black Atlantic“. Ich habe gestern einen Film darüber gesehen. Es handelt sich vor allem um schwarze Musiker. Als ich heimkam spielten sie ein Stück von Schönberg im Radio. Ich dachte „Es besteht kein Unterschied zwischen dem Jazz dieser schwarzen Musiker und dem Sinfonieorchester von Schönberg!“ Was hat das zu bedeuten, zumal beide Kategorien äußerst elitär sind? Man gewinnt den Eindruck, die Musiker fühlten sich missverstanden und versuchten nun, dem Publikum, den Menschen generell, etwas nahe zu bringen. Als seien sie von den Eltern missverstandene Kinder, die durch ihre Musik das Verständnis der ganzen Welt erreichen wollten. Es sind zwei völlig verschiedene Musikarten: Free Jazz und Klassische Sinfonien. Man sollte meinen, es lägen Welten dazwischen, doch der Ursprung ist derselbe. Um Ihre Frage zu beantworten – Ich weiß es nicht! Die Musik, die ich höre, hat meist auch etwas mit meinem beruflichen Alltag zu tun: ein bestimmtes Stück, das ich lernen muss oder etwas, das ich aufgenommen habe und einen Kommentar dazu abgeben soll. Sehr gerne höre ich tibetische Chants. Die finde ich schön.

Gibt es Komponisten, die Dich besonders inspirieren, die Du besonders magst?

Phasenweise. Es gab eine Zeit, in der mir Chopin sehr gefiel; dann fand ich Charlie Parker eine Zeitlang unglaublich stark, später dann faszinierten mich die Beatles. Mittlerweile denke ich die Beatles waren vielleicht etwas oberflächlich, Charlie Parker war missverstanden, wenn auch ein sehr begabter Techniker, Chopin, ….jaaa! Weisst Du, mein Vater ist schwarz, meine Mutter ist weiß und ich habe von beidem ein bisschen. Ich kann aus beiden Seiten etwas ziehen.

Du bist in London geboren?

Ja, in London. Mein Vater kommt aus Grenada in der Karibik, meine Mutter aus England. Ich war ein paar Mal auf Grenada und glaube schon, dass ich einige schwarze Eigenschaften geerbt habe.

Zum Beispiel?

Ich kann aufbrausend sein, bin schwer einschätzbar. Allerdings habe ich auch einige englische Eigenschaften geerbt. Ich kann der perfekte Gentleman sein! Diese Mischung ist manchmal nicht ganz einfach.

Erinnerst Du Dich an die Entscheidung, Musiker werden zu wollen?

Mein Vater ist Musiker, Pianist. Als Kind musste ich das Klavierspiel lernen. Es war also keine Entscheidung. Designer zu werden, das war meine Entscheidung, womit mein Vater überhaupt nicht einverstanden war. Das war nicht sein Ding, zu intellektuell, zu abgehoben. Man spricht vom musikalischen Gewissen, der Gesang kommt jedoch aus einer ganz anderen Quelle. Das ist eine tiefgründige Emotionssache. Klavierspiel kommt aus der Technik, aus der Tatsache, dass die Finger unabhängig voneinander arbeiten und gleichzeitig die verschiedenen Rhythmen angeben. Beim Design ist das anders. Man kann es erlernen, aber grundsätzlich verändert man sich dadurch nicht. Auf dem Klavier kann sogar der musikalisch Unbegabteste etwas erzeugen.

Braucht man denn zum Klavierspielen keine Begabung?

Wenn man unglaublich gut, brillant, Weltklasse sein will, natürlich! Eine kleine Weise auf dem Klavier zu spielen aber, kann jeder lernen. Was ich sagen will ist, dass Klavier zu spielen für mich keine direkte Entscheidung war. Ich musste es lernen. Ich hatte einen Freund, der früher Informatik studierte und dann mit 27 Jahren entschied, dass er Bach spielen wollte. Ein anderer Freund, Lynges, spielte hobbymäßig Schlagzeug und arbeitete als Postbote oder Polizist in den USA. Dann kam er nach Berlin und entschied sich, sein Geld als Musiker zu verdienen. Ich war Musiker bevor ich wusste, dass es eine Option war! Natürlich habe ich sehr viel darüber nachgedacht, es war aber nie eine Entscheidung im Sinne von „was will ich eigentlich machen?“. Ich habe auch andere Dinge probiert, Malerei zum Beispiel. Ich wollte aber immer singen, schon als Kind! Vor ein paar Jahren habe ich eine CD produziert, auf der ich auch singe. Ich finde das okay, meine Freunde finden es auch okay. Mein Vater aber meinte, dass das Klavierspiel ihm genüge… das ist sein Ding. Mir ist ganz egal ob ich gut oder schlecht singe; irgendwann habe ich gesagt: ich singe. Mir fiel auf, dass mein Klavierspiel sehr intellektuell ist, mein Gesang dagegen eher natürlich, persönlich. Das musikalische Wissen, das ich durch mein Klavierspiel erlangt habe half meinem Gesang sehr. Ich habe viele Sänger begleitet. Es waren gute Sänger, schlechte Sänger, schwarze, weiße, Pop, Blues, Jazz – die ganze Bandbreite. Das hat mir auch geholfen, mich sehr viel weiter gebracht. Ich glaube, die Tatsache, dass ich nie eine richtige Ausbildung absolviert habe, ist ein Vorteil. Das Bildungssystem, das man durchläuft – und nicht nur in Deutschland, sondern überall – Lehre, Studium, Magister-, dann Doktorarbeit, das verändert einen automatisch. Wenn man aber etwas für sich erarbeitet und lernt, ganz unbewusst und unabhängig von allen Normen, ist es viel wahrscheinlicher, dass man etwas anderes, ganz Neues entdeckt. Ich glaube wohl, dass mein Gesang nicht ganz herkömmlich ist. Es ist meine eigene, persönliche Angelegenheit. Ich will meinen Stil finden. Auf dem Klavier spiele ich Bach, Chopin, Blues, alle Arten von Jazz: Dixie, Free Jazz, Bebob – kein Problem. Mit meinem Gesang aber kann ich nur einem Stil folgen, meinem eigenen.

Wenn man so denkt, fragt man sich ja, ob das Bildungssystem überhaupt einen Zweck erfüllt, egal ob in der Musik oder der Malerei.

Ich male auch. Aus ganz ähnlichen Gründen. Ich wollte meine eigene Sache finden. Ich hatte sogar schon einige Ausstellungen. Manche Leute fanden es schlecht, andere sagten, es sei genial. Das Phänomen dabei ist wieder, dass ich es nicht erlernt habe. Es kommt von innen nach außen, nicht umgekehrt. Im Grunde kann man behaupten, Bildung sei ein von den regierenden Mächten genutztes Mittel, um die Menschen...

...zu versklaven!

Ja! Im Grunde genommen, fast! Versklavung wäre vielleicht zu extrem, aber um die Menschen zu kontrollieren. Früher, vor 100, 200, 300, 400, 2000 Jahren übte man den Beruf aus, den man vom Vater gelernt hatte. Mein Vater war Musiker, ich bin Musiker. Heute ist es ganz anders. Die wenigsten Menschen, die ich getroffen habe, führen das fort, was der Vater oder die Mutter begonnen haben. Stattdessen sind sie mental aufs Geldverdienen abgerichtet. Sie richten sich nach der Liste der 100 Top-Jobs und entscheiden sich für den Beruf, der ihnen das größte Gehalt einbringt. Viele junge Leute studieren BWL, weil sie für IBM oder Mercedes Benz arbeiten wollen. Nur ein Prozent von ihnen bekommt den Traumjob! Mein Beruf ist genauso idealistisch wie der eines Philosophen. Ich habe nie aufs Geld geschaut. Von jeher habe ich mein Geld als Musiker verdient und es wäre dumm zu versuchen, das zu ändern. Vielleicht kommt irgendwann noch der Erfolg! Nimm Kolumbus - seine Matrosen schrieen: „Hey Kolumbus, das hier ist Zeitverschwendung! Wir bringen Dich um!“, und der erwiderte: „Nein, nein, nein, gebt mir noch zwei Tage!“. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte er es nicht geschafft und Amerika wäre unentdeckt geblieben. Schließlich bin ich auch ein Opfer der Sklavenhändler. Sie haben mit meinen Vorvätern gehandelt.

Früher oder später hätte man Amerika doch entdeckt.

Schon, aber vielleicht auf eine friedlichere, humanere Art und Weise!

Dein Vater ist auch Musiker. Ist er berühmt?

Nein.

Gibt es eine Art Konkurrenz zwischen Euch?

Ich bin besser als er, das weiß er auch. Andererseits besitzt er einige Fertigkeiten, die ich nicht habe. Er hat den Luxus, originell zu sein. Mein Vater ist 100 Prozent Karibiker. Ich bin eine Mischung und dadurch eine andere Rasse. Was er konnte hat er mir beigebracht. Er hat nie Musik studiert, hat sich alles selbst beigebracht. Ich glaube schon, dass er die Konkurrenz spürt, aber es ist okay. Ich verstehe das. Er hat mir sehr viel gegeben. Er hat mir seinen Beruf gegeben. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es als Kind nicht so toll fand. Jetzt finde ich es in Ordnung. Eine andere Sache ist, dass echte Musik zu machen nicht mehr in Mode ist. Mode ist heutzutage, große Titten oder Muskeln zu haben und ein bisschen zu singen. Die Produzenten suchen nicht nach Leuten, die musikalisch begabt sind oder eine schöne Stimme haben, sondern nach solchen, die sich vermarkten lassen. Ein Instrument beherrschen zu lernen ist nicht mehr in Mode. Vor 100 Jahren besaß jeder mittelständische Haushalt ein Klavier. Heutzutage findet man – wenn man Glück hat – in 20 Prozent der Haushalte ein Keyboard, ein vereinfachtes Klavier. Wenn das so weitergeht, gibt es bald gar keinen musikalischen Nachwuchs mehr! Wir sind an einem Tiefpunkt angelangt. Zudem machen Leute wie Napster und all die Musikgammler die ganze Industrie kaputt. Ich habe heute gelesen, dass eine CD 18 Euro kostet. Die Musiker verdienen gerade einmal 2,69 Euro pro verkaufte CD. Die computertechnologische Entwicklung der Synthesizer und des synthetischen, digitalisierten Sounds vereinfacht das Kopieren von Musik dermaßen, dass es jedem zur freien Verfügung steht. In den 80er Jahren konnte man Schallplatten mit 70prozentiger Genauigkeit kopieren. Der Unterschied war zu hören und zu sehen. Heute ist die Soundqualität eins-zu-eins übertragbar. Versteh´mich nicht falsch, ich sympathisiere nicht mit den Problemen der großen Plattenfirmen, die ohnehin Milliarden verdienen. Deren Probleme haben mit meinen rein gar nichts zu tun. Ich verdiene kaum etwas mit meiner Musik. Ich bin sogar der Meinung, dass meine Probleme mir eher helfen. Musik zu kennen, das heisst, ein Musikinstrument zu beherrschen wird einen höheren Wert erlangen. Die Menschen werden das irgendwann realisieren. Ein digitales Orchester mit digitalem Klavier, digital aufgenommen ist steril, totaler Mist! Noch sind sie nicht so weit, aber irgendwann wird jemand sagen: „Weißt Du was, das ist steril!“ „Ja, das ist steril.“. Dann müssen neue Instrumente entwickelt werden. Es reicht nicht, nur einen Knopf am Computer zu drücken. Das ist absurd! Ich glaube, wenn die Musiker von heute diese harte Zeit durchgestanden haben, werden sie in der Zukunft geehrt wie die alten Dinosaurier!

Neulich habe ich mit einem Musiker gesprochen, der sich über die Produzenten beschwerte. Die seien wie eine Sekte, die gar kein Interesse an echten Musiktalenten habe, sondern gut aussehende Puppen suchen, die dann mit durchschnittlichem Gesang ihre Songs vermarkten
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Das ist wahr. Der Mann, der das sagte, unterscheidet sich allerdings von mir. Er scheint auf der Suche zu sein nach einem Produzenten. Das bin ich nicht. Tatsache ist, jeder Musiker will seine eigenen Lieder singen. Viele meiner Freunde, die Plattenlabels betreiben, klagen über finanzielle Schwierigkeiten. Der Vorschuss für einen Musiker, beträgt bestenfalls 80.000 -100.000 Euro. Alles andere muss er aus eigener Tasche zahlen, denn bei 2,69 Euro Gewinn pro verkaufter CD müsste er schon alle CDs verkaufen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ich glaube die Zeiten ändern sich. Im heutigen Kapitalismus fördern nicht mehr die Reichen, Privilegierten das Wachstum, sondern die Armen. Die Musiker, die reich geworden sind durch ihre Musik, sind es nicht deswegen, weil die Oberklasse ihre Platten aufgekauft hat, sondern weil 50 Millionen der kleinen Leute die 18 Euro für ihre CD bezahlt haben. Aus diesem Grund sind ja auch die Plattenfirmen so verärgert, weil eben diese kleinen Leute mittlerweile ihre Musik ganz ohne Lizenz illegal über das Internet beziehen. Ich bin der Meinung, dass die wohlhabende Gesellschaft die Armen bezahlen sollte, nicht umgekehrt. Ich habe allerdings noch keine Aktion in diese Richtung gemacht. Was die Promotion von Musik betrifft, meine ich, dass die Werbung ihre Sache gut macht. Die Musik in der Werbung ist oftmals viel kreativer als die übliche Popmusik. Es werden meist wirklich gute Komponisten engagiert. Wenn Nikon oder andere Firmen einen Werbespot produzieren müssen sie für jede Ausstrahlung zahlen. Und Nikon kann sich das leisten. Ich würde meine Musik dafür nicht umsonst geben.

Du bist aus London nach Berlin gekommen, als die Stadt noch in Ost- und Westberlin geteilt war. Wie hast Du diese Situation empfunden?

Sehr gut. Ich bin voll ins warme Wasser gefallen. Ich denke, Berlin war so etwas wie eine Falle. Das war nach dem zweiten Weltkrieg von Anfang an so konzipiert. Natürlich ist das nur meine Theorie. Die Russen haben 1961 die Mauer rund um Berlin gebaut und als Antwort darauf wollten die Amerikaner, Franzosen und Engländer eine Musterstadt errichten, die den Russen und DDR-Bürgern ein Dorn im Auge sein würde. Sie sollte stets aufzeigen, dass der Kapitalismus und seine Wirtschaft dem sozialistischen System weit überlegen ist. Das sollte Unzufriedenheit und Neid in der ostdeutschen Bevölkerung anregen. Der Sozialismus brachte keine Demokratie, vielmehr die Diktatur einer kommunistischen Partei. In England basiert die Diktatur auf den alten Königshäusern. Es gibt in England zwei Häuser: das „House of Commons“, dessen Sitze durch Bürgerwahlen vergeben werden und das „House of Lords“, das keine öffentlichen Wahlen zulässt. Wir haben keine proportionale Repräsentanz. Der Gewinner gewinnt alles! Das führt dazu, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Leute das ganze Land kontrollieren, sowohl im „House of Commons“ als auch im „House of Lords“. Eine Demokratie ist das nicht. Die Welt ist ein bisschen pluralistischer geworden, die Grundsteine aber sind geblieben. Ich bin von England nach Westdeutschland, dann nach Berlin gegangen - und war begeistert! Berlin war eine so lebendige Stadt! In England herrschte damals eine große Depression. Ich war trotzdem in einer relativ guten Situation. Ich hatte Arbeit. Nun ist dieses Berliner Traumbild zerbrochen. Nach und nach ist Berlin, und Deutschland generell, zu der Realität gelangt, die andere Länder schon lange kennen. Für Berlin ist das besonders traumatisch!