Fremde Häute

Ich reise nach Portugal, streife eine Haut ab, lege sie neben mir auf den Beifahrersitz und betrachte sie bisweilen aus den Augenwinkeln; an den Kreuzungen oder im Stau habe ich dann oft Gelegenheit, sie näher zu erforschen. Mir kommen dann absurde Gedanken, wie: Eigentlich bin ich mehr portugiesisch als deutsch, vom Herzen her, aber meine Haut sieht deutsch, vielleicht mehr slawisch oder sogar russisch aus. Manchmal fahre ich dann sportlicher, überhole Autos – ganz sinnlos – bis sie an mir, mit lauten Motorengeräuschen rasch wieder vorbei ziehen. Ich lege eine zweite Haut dazu - meine Wunschhaut - und fühle mich dann kalt und unbestimmt, während ich in die Richtung meiner heimlichen Heimat fahre. Nach drei Tagen überquere ich die Grenze zwischen Spanien und Portugal bei Braganca, das im Norden liegt, wende mich von den Hauptstraßen ab und fahre über abseits gelegene Ortschaften in Richtung Süden. Nach einer Stunde durchquere ich das Dourotal, auf einer sehr alten, von jeder staatlichen Fürsorge vergessenen Straße, Tal und Weinhänge öffnen sich meinem Blick, der Himmel ist hier sehr rein, die Farben sind kräftig, die Luft trägt manchmal den Duft von ausgedörrten Feldern, manchmal aber den des Flusses und den von frischer Erde. Folgte ich seinem Lauf, würde ich mein Ziel bald erreichen, aber die Straße wendet sich ab vom Douro und ich befinde mich wieder in Richtung Norden.

Ich fürchte, dass ich mich verfahren könnte und halte an. Ein altes Haus zur Hälfte mit Flechte bedeckt, ein alter Mann mit Eichenhaut, dunkel verbrannt, ich frage ihn nach dem Weg. Er antwortet nicht, ich stehe da, mein Portugiesisch dringt brüchig über die Zahnklippen, zu zaghaft, mir fällt ein, ich habe vergessen, die Häute über zu ziehen. Sou um estrangeiro, desculpe. Die Reihenfolge der Worte ist nicht stimmig. Sou da Alemanha. E que pedir uma informacao. O senhor pode comprehender? Schlechte Wortwahl. Er lacht, immerhin. O Porto, tenho de ir do Porto! O Porto?! Ja, ja, schöne Stadt, fahren Sie nur dort hin, sie werden schon sehen, nicht wahr. Er zeigt in die Richtung aus der ich gekommen bin. Ich fahre dennoch weiter ins Ungewisse, bloß nicht zurück, nicht wieder in dieses Tal, mit seinen Farben, Gerüchen und dem reinen Licht. Bald komme ich in einen Ort mit dem schönen Namen: Verkauf von Weibern. Hier rührt sich nichts, keine Pousada, keine Tankstelle, kein Mensch auf der Straße, es ist Mittag, es ist zu spät für einen der kein Tagewerk hat, nur fährt und nicht arbeitet. Ich komme in den Ort mit dem Namen: Verkauf von Kleidern. Es ist Markttag, ich halte an. Ich hätte gern einen Saft von Limonen und etwas von dem Brot dort. Machen sie bitte, dass sie mir geben eine Schale von dieser Melone und etwas um zu nehmen heraus das Fleisch. Danke. Wie viel? Bitte sehr! Auf Wiedersehen. Keine Frage danach, woher ich komme.

Es ist jetzt schon zwanzig Jahre her. Damals bin ich als Kind am Schoß meiner Mutter liegend durch diese Gegend gefahren. Ich denke, dass es hier in der Nähe war, wo sie geboren wurde. Tras os montes. Villar de Villando, heißt der Ort, oder war es Mondim de Basto, gleich in der Nähe von Venda das roupas. Hier irgendwo hätte sie zurückkehren wollen, aber es war zu spät für sie. Ich war 12 und in meine Cousine verliebt, die ein paar Jahre mehr hatte als ich. Sie sagte oft, dass sie mich in Deutschland besuchen kommen würde, aber sie kam nur ein einziges Mal, als es für meine Mutter zu spät war. Sie war gestorben und hinterließ mir offene Fragen. Wie kocht man dieses wie backt man jenes, wie war ihre Kindheit, wie war es als sie in jungen Jahren alleine nach Lisboa gegangen war? Jetzt besuche ich meine Cousine, sie wird mir meine Fragen beantworten. Damals aber rannte ich mit ihr über die staubigen Straßen von Villar de Villando (oder war es Mondim de Basto?), dort wo das kleine Haus steht, das damals noch ein Hängeklo hatte und meine Mutter vermischte Deutsch und Portugiesisch und irgendwann war sie eine Fremde, die nicht mehr hier noch dort  heimisch war. Irgendwo dazwischen, in den Erinnerungen, in Zweifeln und in Fragen: Was wäre, wenn…? Was wäre gewesen, wenn sie nicht nach Deutschland gegangen wäre, würde ihre Mutter, meine Großmutter, noch gelebt haben? Hätte sie den Arzt bezahlen können? Hätte sie eine Nelke zum Militär getragen oder wäre sie in dem Geschäft geblieben, wo sie bis heute Obst verkauft hätte? Vielleicht hätte sie einen Mann aus der Nachbarschaft geheiratet, vielleicht musste es aber ein Deutscher sein, wie mein Vater.

Desculpe! Essa Cidade e o Porto, nao e? E, sim. Ich trinke noch einen Schluck von dem tiefroten Wein und gehe langsamen Schrittes zurück zum Auto. Dort in der Ferne, das ist Porto. Meine Cousine arbeitet dort. Sie hatte mir eine Nachricht geschickt. Sie arbeitet in einem Casino als Bedienung. Sie ist verheiratet. Ihre Adresse hat sie mir aber nicht gegeben. Als sie zur Beerdigung bei uns war, gab es oft ein sehr vertrautes Gefühl zwischen uns. Sie hielt mir die Hände und sie waren immer warm dabei.

In meinem Reiseführer stehen Dinge, wie: Porto die Hauptstadt des Nordens, mit seinen am Steilufer des Douro erbauten Häusern, die pulsierende Industrie- und Hafenstadt, die in einer ewigen Konkurrenz mit Lissabon steht - so etwas habe ich schon oft gelesen über Porto. Stimmt es wirklich? Ich halte an und frage einen Passanten. Entschuldigen Sie, ich habe gehört, dass Porto seit Ewigkeiten mit Lissabon in Konkurrenz steht, stimmt das? Der Passant ist eine Frau. Sie schaut mich erstaunt mit einem vertrauten Lächeln auf ihren schönen Lippen an. Es ist meine Cousine. Wir fallen uns in die Arme und können nicht glauben, dass wir uns auf diese sehr zufällige Weise gefunden haben. Wir gehen in ein Café, ich trinke eine bica und frage sie nach dem Rezept für gegrillte Tintenfische. Damals sind wir zusammen über die staubigen Straßen von Villar de Villando gelaufen und sie hat mir gesagt, dass Grillen auf Portugiesisch o grilo genannt werden und dass sie Zirpen, wenn Verliebte ihren Weg kreuzen. Warum ich nicht auf die letzte SMS geantwortet habe? Habe ich aber, erwidere ich, hier bin ich, nachdem du fragtest, wann ich denn kommen werde! Als ich ihre Nachricht bekommen hatte, saß ich in einem Park in Berlin wo einstmals eine Mauer durch lief und nun eine imaginäre Grenze verläuft. Auf dem verblassenden Grün der Wiese liegen in fast gleichmäßigen Abständen Müllreste, Flaschen, Zigarettenkippen und gebrauchte Taschentücher, ein Ort wie geschaffen für den Augenblick der Entscheidung Berlin zu verlassen.

Cristina und ich gehen noch ein Stück des Weges zusammen in die Altstadt, sie muss schon bald zur Arbeit. Wo ich denn wohnen werde? Hotel dos Desesperados, wenn es das gibt, antworte ich. Sie lacht. Meine Häute habe ich in den Koffer geschnürt, mit ihr an der Seite fühle ich mich auch ohne wohl. Wir verabreden uns für den nächsten Tag. Dann soll ich mich offiziell per Telefon anmelden und ihr Mann wird mich als ihren primo empfangen.  So verbringe ich den Abend allein in Porto, laufe am Douroufer entlang, durchquere einige Gassen der Altstadt, entschließe mich gegen mehrere Lokale, bleibe vor Schaufenstern stehen und studiere Angebote für Kleiderschränke und Portwein. Ein dunkler Typ bietet mir Haschisch an, ich verneine höflich, aber er lässt nicht ab von mir, verfolgt mich und fragt ausdauernd nach, ob ich denn nicht wisse, dass es die beste Ware sei? Sind Sie Deutscher? Sou um bastardo. Die Antwort verwirrt ihn. Fast wütend, ungläubig als hätte er verstanden, ich meinte ihn damit, wirft er mir ein höhnisches Lachen hinterher und Worte, die ich nicht verstehe. Desculpe, nao comprehendo. Die Haut eines Fremden kann auch schützen. Irgendwo kaufe ich eine Flasche eines alten Dao, gehe zurück ins Hotel und trinke sie am Fenster im Lärm der Stadt versunken und lasse meine Gedanken über die Nacht fließen. Bilder tauchen aus dem Dunkel auf, verschwommen wie das Licht, das sich im Fluss spiegelt: Meine Mutter, als sie mich kurz vor ihrem Tod nicht mehr erkennen konnte und von sterbenden Kindern erzählte, die sie in ihren Träumen gesehen hatte. Ihr letztes Gesicht hat sich nun in meine gebrannt. Ich sehe sie am Grab meiner portugiesischen Großmutter, sie weint, während meine älteren Brüder spielen und sich in einem ausdauernden Ringkampf gegenseitig an die Friedhofsmauer drücken, sich würgen und treten. Sie hatte nicht gerufen als ich bei hohen Wellen schwimmen gegangen war, sie stand nur dort und hatte mich besorgt zurück gewunken; die Gefahren der Atlantikbrandung waren für mich deutsches Kind nie gewärtig. Sie dagegen kannte aus ihrer Kindheit die Erzählungen von ertrunkenen Kindern und verunglückten Fischern. Das Meer meine Urlaubsattraktion, das Meer ihre Furcht. Man sagte früher, erzählte sie mir einmal, dass Portugiesen das Meer nur in Booten befahren, darin aber zu schwimmen, wäre nur für Hunde und Tintenfische.

Meine Mutter hat mir viele Erinnerungen aus Portugal mit nach Deutschland gebracht und dort waren sie immer ein Teil meines Lebens, den ich nicht immer begriff, aber zu einem Zentrum einer Mythologie um mich selbst werden ließ. In diesem Mythos fand ich eine Welt vor, die mich dem hier gegenüber schützte, mich gegen das Außen aufwertete und mir einen Raum bot, Dinge zu interpretieren, die mir nicht gefallen hatten oder die ich nicht verstand. Egal welche Haut ich auch immer trage, es bleibt unter ihr etwas, dass sich mit all dem zu versöhnen versucht. Aber nicht immer gelingt es sich zu entscheiden, vor allem wenn andere eine Entscheidung abfordern.

Ich wache auf, ein grauer Wolkenschleier verdeckt die Sonne, die Stadt scheint noch zu schlafen, eine seltsame Starre liegt über ihr, als hätte jemand die Zeit angehalten. Erst am Nachmittag verlasse ich das Hotel, lege meinen Koffer ins Auto und fahre los. Die Straße verzweigt sich, eine führt ins Zentrum, eine weist nach Süden - auswärts. Ich folge einem unbestimmten Gefühl, befinde mich schon auf einer Spur… Warum sollte ich noch wechseln? Umkehren kann ich auch später noch. Aber ich kehre nicht um, verlasse die Stadt, durchquere Vororte und finde mich bald auf dem Land wieder, Porto liegt nun schon 20 Kilometer hinter mir. Wohin sollte ich fahren? Lisboa 340, Coimbra 198 km! Cabo Desesperado 170 km!  Ich folge den Schildern. Sie stehen dort in der Landschaft wie stumme Wächter. Sie haben eine dankbare Aufgabe, sie zeigen die Richtung an, sie geben Orientierung und helfen Zeit und Raum zu messen. Sie teilen das Land in Entfernungen und markieren Städte, Regionen und Länder. Sie sind fest verwurzelt, national genormt.

Meine Gedanken versinken im Rausch der monotonen Fahrgeräusche, ich komme voran, ich reise in eine Zukunft, die ich noch nicht kenne, in die ich aber auch keine Hoffnung mehr lege. Mein Leben in Berlin, das habe ich hinter mir gelassen. Ich hinterließ einen Versuch, in einem Zwischenraum kultureller Unterschiede mein Zelt aufzuschlagen und verfolgte eine Utopie. Ich arbeitete mit Leuten zusammen, die sich entschieden hatten. Kein Raum für Zwischentöne, kein Raum für Bastarde. Sie trugen ihre Ortsschilder mit sich und markierten  Grenzen, die sie vorgaben zu durchbrechen.

Ich halte an. Hier oben auf dem Cabo weht ein rauer Wind, der mir die Haare ins Gesicht wirft während ich den Anfang eines Wanderweges erreiche. In dieser Jahreszeit sind hier kaum Menschen unterwegs und jetzt gegen Abend bin ich schon nach wenigen Metern alleine auf dem Weg entlang der Klippen. An einer geeigneten Stelle bleibe ich stehen und schnüre das Bündel, lege Steine hinein und werfe es hinunter. Für einen Moment scheint es als werde diese Sonne dort nicht untergehen. Warum sollte ich nicht eine Sonne, die schwer über dem Horizont liegt und lange Schatten wirft, das Meer und die Felsen mit Herzblut einfärbt, weder für das eine noch das andere halten. Wenn ich dem Tempo der Erde folgen könnte, es ginge diese Sonne weder auf noch unter. Einige Meter neben mir sitzt ein Mädchen und wirft träumend, in Gedanken versunken Steine über den Rand der Klippen hinweg ins Meer, die sie zuvor zusammen gesucht und zu einem kleinen Haufen zusammengelegt hatte. Um para minha maezinha, dois para meu pai, tres para minha tia e quatros para meus filhos... Die Nacht hüllt sie schon in ein dunkles Schattenkleid, die ersten Sterne grüßen zwinkernd aus der Ferne, das Mädchen steht auf, wirft alle Steine in die See und winkt mir zu. Dann tritt sie an den Rand, holt tief Luft, hält sich die Nase mit Daumen und Zeigefinger spitz zu, schließt die Augen und springt hinunter. Sie fällt lautlos. Sie will aber nur schwimmen wie Hunde und Tintenfische.