Wie heimisch sind Sie im Land der Dichter und Denker?

I
"it takes two to tango", lautet das Sprichwort. Das gilt auch für Integration: zum Integrieren werden beide Seiten gebraucht; nur zusammen können Einheimische und Einwanderer Integration bewerkstelligen. Einheimische und Einwanderer müssen einander sozusagen als Tango-Partner anerkennen und wollen, sonst wird die Integration nicht ins Tanzen kommen.

Der nun folgende Beitrag beschäftigt sich mit dem Thema der Integration von Einwanderern in Deutschland, und zwar aus der Perspektive eines Einwanderers.

Als erstes möchte ich sagen, dass ich bewusst von dem Thema der Integration rede, also nicht von der Frage der Integration und auch nicht von dem Problem der Integration. Damit sei nicht gesagt dass die Integration nicht zuweilen fraglich und problematisch ist, sondern nur, dass es nicht nötig ist, sie in erster Linie und prinzipiell als fraglich und problematisch zu betrachten.

Ja, es gibt meine ich gute Gründe, schon jetzt und auch für die Zukunft relativ optimistisch zu sein was die Integration in Deutschland angeht. Vor einem Monat hatten wir über ganz Deutschland ein Meer von nationalen Fahnen, und ich habe noch nie so viele Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht-deutscher Abstammung gesehen, die, ausgestattet mit denselben Fan-Utensilien wie die Einheimischen, genauso ausgelassen mitgefeiert und mitgejubelt haben als es um die deutsche Nationalmannschaft ging. Es war wirklich ganz rührend. Es war, vielleicht nicht überall in Deutschland aber doch sicherlich im Weddinger Sprengelkiez wo ich diese Zeit erleben durfte, Joseph Goebbels' schlimmster Albtraum.

Der frühere Nationalspieler Paul Breitner hat diese Sache ganz interessant umschreiben als: "Abschied von der Angst, deutsch zu sein". Und das ist auch nur gut so. Es heißt nämlich, dass Deutschland wieder in sich selbst integriert ist. Und genau das ist meines Erachtens die Grundvoraussetzung für Integration von Einwanderern in jeder Gesellschaft: nämlich, dass das Volk, mit dem es zu integrieren gilt, mit sich selbst in Einklang ist.

So lange deutsch sein vor allem heißt: Nicht-sonderlich-gerne-deutsch-sein, Eigentlich-lieber-nicht-deutsch-sein, Möglichst-wenig-deutsch-sein, ja so lange deutsch sein gewisser weise heißt Anti-deutsch sein, wird es nie zu einer Integration kommen können. Wer sich sich selbst verweigert, kann sich auch nicht für andere öffnen.

Höchstens könnten Einwanderer in so einer Situation dieses deutsche Nicht-so-richtig-deutsch-sein-wollen übernehmen, doch das würde nur bedeuten, dass ihre Integration dasselbe miserable Niveau bekäme als das deutsche Niveau der Nicht-Integration mit sich selbst.

Also: im Breitnerischen Sinne ist das deutsche Volk wieder deutsch ohne Angst vor sich selbst. Schön. Weil damit auch das Tabu verschwunden ist, Stolz zu sein auf etwas Deutsches. Dieses Tabu hatte lange seine vernünftigen Gründe, hat aber so langsam seine Zeit gehabt und sich selbst überlebt. Und damit sind wir zum eigentlichen Hauptthema des Beitrags gekommen: die deutschen Dichter und Denker.

II
In dem negativen Selbstverhältnis der ersten Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg war es, noch durch die unterschiedlichen staatstragenden Ideologien des geteilten Deutschlands erschwert, schier unmöglich, eine unverklemmte und unverstellte Beziehung zum deutschen kulturellen Erbe aufzubauen1. Das hat zur Folge gehabt, dass dieses geflügelte Wort vom »Land der Dichter und Denker« heutzutage ein reines Märchen ist.

Deutsche kennen ihre Dichter und Denker nicht, sie assoziieren und identifizieren sich nicht mit ihnen und setzen sich gar nicht schöpferisch mit diesem Denken auseinander. Was echt schade ist. Denn die klassische Phase der deutschen Geistesgeschichte bildet ein Gipfel in der abendländischen Philosophie.

Die abendländische Philosophie kannte ihren ersten Höhepunkt im antiken Griechenland und ihren zweiten im klassischen deutschen Denken. Das bedeutet, dass wenn der Gipfeltakt der abendländischen Philosophie derselbe bleibt, das klassische deutsche Denken für die kommenden Zweitausend Jahre der Gipfel der abendländischen Philosophie bleibt.

Ist es denn nicht eine wunderbare Fügung des Schicksals, wenn man dieselbe Muttersprache spricht wie die deutschen Dichter und Denker? Ja das ist es. Und ist es auch nicht eine total attraktive Perspektive, mit so einem Volk zu integrieren und sich die Sprache eigen zu machen vom Gipfel der abendländischen Philosophie? Ja das ist es.

Doch Moment mal, würde man jetzt denken können: die deutschen Dichter und Denker als Gipfel der abendländischen Philosophie? Das hört sich doch irgendwie ein wenig nach "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt" an. Vergaloppiert man sich hier nicht ein bisschen in der neu gewonnenen Selbstakzeptanz? Nein, tut man nicht.

Die klassischen deutschen Dichter und Denker sind nämlich gerade deswegen die besten der Welt, weil sie am gründlichsten und tiefsten die Grundsätze der Humanität, der Freiheit und Gleichheit aller Menschen und der allgemeinen Menschenwürde durchdacht, fundiert und artikuliert haben. Die Bildung zur Humanität im klassisch-deutschen Sinne ist damit das vollstreckte Gegenteil der Nazi-Ideologie.

Mag sein, sagt jetzt der grimmige Anti-deutsche: mag alles sein, doch es bleibt hier der Aspekt, dass das deutsche Denken zum besten Denken der Welt hochstilisiert wird, und damit scheint es, als ob hier doch ein Rest von Überheblichkeit und völkisch-rassischer Sichtweise gehandhabt bleibt: nämlich der kühle nordische Denker als rationaler Übermensch.

Noch nein, auch das stimmt nicht. Das klassische deutsche Denken ist nicht der Gipfel der abendländischen Philosophie weil irgendwelche nordische Rasse ein besseres Denkvermögen hätte als die übrige Menschheit. Unsinn. Es war einfach die historische Gegebenheit, dass Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts sozial-ökonomisch zu rückständig war für das Gelingen einer politischen Revolution wie die französische. Der Geist der französischen Revolution fand im damaligen Deutschland nicht die Voraussetzungen die er gebraucht hätte, sich zu entfalten. Der Geist der französischen Revolution konnte daher nur im Exil des Denkens Zuflucht finden und aufgenommen werden. Es gab keine wirkliche Revolution in Deutschland, aber dafür eine ganz heftige Revolution im Denken.

Nie vorher und nachher und nirgendwo sonst ist der Mensch als Gattungswesen, in seiner Souveränität und seiner heiligen Würde so kristallklar, so unverkennbar, so wahrhaft und schön zur Sprache gebracht als in der klassischen deutschen Philosophie. Und das ist das beste muttersprachliche Erbe, das man als Volk haben kann.

III
Abschließend ein kurzes Zitat aus dem so genannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus (die Gelehrten streiten sich noch darüber, ob es Hegel, Schelling oder Hölderlin gewesen ist der das bedacht hat). Es zeigt sehr gut den durch die französische Revolution inspirierten progressiv-bürgerlichen Humanitätsgedanken:

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt - aus dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts. [...]

Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit - Umsturz alles Aberglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. - Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen. [...]

Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden, dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!2

Ein Deutschland, das sich dieses Erbe angeeignet hat, wird ein fabelhaftes Einwanderungsland sein. Eschatologisch gesagt hat dann der gute Geist der Dichter und Denker endlich endgültig den bösen Geist der Nazizeit besiegt. Möge es rasch dazu kommen und dann für immer und ewig so bleiben!



Quellenangaben
1. Vgl. Jan Bastiaans, 'Vom Menschen im KZ und vom KZ im Menschen. Ein Beitrag zur Behandlung des KZ-Syndroms und dessen Spätfolgen', in: Wiesenthal Fonds Amsterdam 1973, Essays über Naziverbrechen Simon Wiesenthal gewidmet, S. 177-202 bes. 199 ff.

2. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus wird zitiert nach: Eva Moldenhauer & Karl Markus Michel (Hrsg.) G.W.F. Hegel, Werke in zwanzig Bänden I Frühe Schriften, Frankfurt (Suhrkamp) 1971, S. 234-236